Die Europäische Freiheitsgeschichte jenseits des Eisernen Vorhangs – Ein Thema für Europäische Erinnerungspolitik, Vilnius, Juni 2008

Der Blick auf die Geschichte hat viel mit Identität zu tun. Wenn wir sagen, wer wir sind, sprechen wir von unseren Werten und Vorstellungen – aber eben auch von unseren Erfahrungen, von unserer Geschichte. Mit den politischen Umbrüchen 1989/91 gab es einen ungeheuren Aufbruch von Freiheit und Selbstbestimmung. Nach der Ideologisierung und Verfälschung von Geschichte in der kommunistischen Zeit wurde es möglich, die eigene Geschichte in neuer Perspektive aufzudecken.

Das bedeutete einerseits eine Befreiung – es war möglich, öffentlich zu machen und zu erforschen, was so lange beschwiegen worden war. Gleichzeitig brachen jedoch auch alte ethnische Spannungen, Mythen und Traumata auf, wie wir es z.B. auf dem Balkan erleben mussten. Doch nicht nur dort. Unbearbeitete Geschichte wurde immer eine Belastung zwischen Völkern und Staaten – doch nicht nur zwischen ihnen. Auch innerhalb unserer Gesellschaften wurde unbearbeitete Geschichte zur schweren Last. Wir, die wir im Kommunismus aufgewachsen sind, standen und stehen nun gleichermaßen vor der Herausforderung, uns auch der Hinterlassenschaft des Kommunismus zu stellen. Dies ist vor allem eine Aufgabe der Historiker und der Zivilgesellschaft, gleichzeitig  aber auch eine Aufgabe der Politik. Wir leben heute in freien Gesellschaften, deshalb ist es möglich, offene Diskurse zu führen, an denen sich jeder beteiligen kann. Nicht selten braucht es einige Zeit, bis sich gesellschaftliche Konsense zu grundsätzlichen Fragen finden.

Seit die Europäische Union nun seit 2004 um die neuen Demokratien in Mittel- und Osteuropa erweitert ist und mit dem Vertrag von Lissabon immer mehr zu einer Politischen Union wird, stellen sich neue Herausforderungen.

Da Geschichte mit Identität zu tun hat, sind wir aufgefordert, auch unsere jeweiligen nationalen Geschichtserzählungen miteinander ins Gespräch zu bringen. Das setzt oft voraus, dass wir die Perspektive und Darstellung unserer Nachbarn erst einmal kennenlernen und uns mit ihr auseinandersetzen. Die Diskurse in unseren Ländern sind in erster Linie noch national geprägt. Die oft über Jahrzehnte verdrängten und verschwiegenen Kapitel der eigenen nationalen Geschichte bestimmen die öffentliche Debatte. Gerade das öffentliche Gedenken und Erinnern bezieht sich in den einzelnen Nationalstaaten Europas noch vorwiegend auf die eigene nationale Geschichte, den Tag der eigenen nationalen Unabhängigkeit oder andere zentrale Ereignisse, die nicht selten der Auseinandersetzung mit den Nachbarn galten.

So ist es gerade zwischen europäischen Nachbarn wichtig, die Diskurse zu öffnen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Das ist nicht immer leicht. Polen und Deutschland haben diese Erfahrung gemacht. Doch gibt es hier z.B. auch eine Reihe positiver Entwicklungen:

So ist beispielsweise zwischen Deutschland und Polen vereinbart worden, der Gewerkschaft Solidarność einen Platz in der Berliner Erinnerungslandschaft zu geben. Wie könnten wir den Fall der Berliner Mauer und die deutsche Wiedervereinigung wirklich angemessen feiern, ohne uns des Beitrages, den die Freiheitsbewegungen in unseren mittelosteuropäischen Nachbarländern dazu geleistet haben, bewusst zu werden?

So manche Chance der gemeinsamen Erinnerung allerdings ist kläglich vertan worden – ich erinnere nur an die Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Moskau. Ein Fehler wäre auch, wenn wir uns auf die EU beschränken und Nachbarländer wie die Ukraine nicht mit einbeziehen würden.

Es wird wichtig sein, geeignete Rahmen für einen solchen europäischen grenzüberschreitenden Dialog über unsere Geschichte zu finden. Einen dieser möglichen Rahmen kann ich Ihnen vorstellen. Es ist das „Europäische Netzwerk Erinnerung und Solidarität“, das 2005 durch die Kulturminister Deutschlands, Polens der Slowakei und Ungarns initiiert wurde. Das Netzwerk entstand, so heißt es in der Gründungserklärung, „in dem Wunsch eine gemeinsame, ausschließlich vom europäischen Geist der Versöhnung getragene Analyse, Dokumentation und Verbreitung der Vergangenheit zu unterstützen, die Geschichte der Völker Europas miteinander zu verbinden, zur Entwicklung einer europäischen Erinnerungskultur beizutragen und damit die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beteiligten Staaten zu festigen.“ Nach einigen Verzögerungen im Anlauf füllt sich das Netzwerk nun zunehmend mit Leben. Im Januar fand in Warschau als Auftakt eine erste Tagung mit dem Thema „Erinnerungsorte in Ostmitteleuropa. Erfahrungen der Vergangenheit und Perspektiven“ statt. Wissenschaftler aus einer Reihe von Staaten tauschten sich über Gemeinsamkeiten und Unterscheide in den Erinnerungskulturen ihrer Länder aus.

Ich begrüße es sehr, dass auch Litauen Interesse an einer Mitarbeit geäußert hat. Es muss uns bewusst sein, dass unsere Bemühungen, eine gemeinsame europäische Zukunft zu gestalten, eng mit der Frage der Geschichtsschreibung und insbesondere der Erinnerungspolitik der europäischen Staaten verbunden ist. Dies ist eine Herausforderung für uns alle. Die neuen Mitgliedstaaten der EU setzen sich mit der eigenen kommunistischen Vergangenheit und ihren Nachwirkungen auseinander und müssen gleichzeitig die oft erst neu gewonnene oder neu zu definierende nationale Identität und Souveränität mit der europäischen Integration in Verbindung bringen. In den schon länger der EU angehörenden Staaten müssen das Bewusstsein und die Sensibilität dafür steigen, dass die „neuen“ Staaten nicht einfach nur dazugekommen sind, sondern dass sie ihre ganz eigenen Geschichtsbilder und  Erfahrungen mitbringen. Die Geschichte dieser Länder hat Europa verändert, ihr Beitritt hat die EU vollständiger, ganzer gemacht. Doch wie weit sind wir wirklich, wenn es darum geht, ob Geschichte eher verbindet als trennt? Zieht sich nicht manchmal noch ein Eiserner Vorhang durch unsere Geschichtsbilder?

Bei der Beurteilung des Nationalsozialismus herrscht zwischen Historikern und Gesellschaften in Europa weitgehend Einigkeit. Ganz anders sieht es aus, wenn wir uns der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und dem Kommunismus zuwenden. Hier stehen wir noch ganz am Anfang. Doch ist das eine wesentliche Aufgabe, die wir gemeinsam in Angriff nehmen müssen.

Demnächst jähren sich zum 20. Mal die Ereignisse von 1989/91. In Ländern, die aus der westlichen Perspektive hinter dem Eisernen Vorhang lagen, geschah etwas, das Europa tiefgreifend verändert hat: Das war nicht der Sieg des Westens gegen den Osten. Es war der Sieg von Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung, den die Menschen sich erkämpften. Der Kommunismus, der halb Europa beherrschte, wurde erschüttert und brach schließlich zusammen. Jedes Land machte 1989 seine ganz eigenen Erfahrungen und hat dafür seine eigenen Symbole. Ein besonders starkes und einmaliges Symbol ist die Kette, die unzählige Menschen zwischen Tallinn, Riga und Vilnius bildeten – am 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes demonstrierten Esten, Letten und Litauer gemeinsam, über Ländergrenzen hinweg für Freiheit und Unabhängigkeit, Hunderte von Kilometern lang. Sie hielten einander an den Händen, verbunden in dem Bewusstsein, unter derselben Diktatur zu stehen und sich von dieser Diktatur befreien zu wollen. Für uns in Deutschland ist es der Fall der Berliner Mauer, von innen aufgebrochen durch die friedliche Revolution.

Doch gehören alle diese nationalen Bilder und Traditionen als europäische Erfahrung zusammen! Dem sollten wir in Europa auch gemeinsam Ausdruck geben! Wir brauchen dieses Bewusstsein, dass die Geschichte unserer Nachbarn auch unsere Geschichte ist, in ganz Europa. Deshalb müssen wir einander zuhören, voneinander lernen und uns gemeinsam an Ereignisse der europäischen Geschichte erinnern. Dabei braucht es manchmal Zeit, besonders aber auch den politischen Willen, sich neuen Erkenntnissen zu stellen.

Europäische Erinnerungspolitik ist möglich und nötig. Ich sehe viele Punkte, an denen sie ansetzen kann. So fände ich es wichtig, dass es Deutschland und Russland als den damaligen Aggressoren gemeinsam mit den baltischen Staaten und Polen als den damaligen Opfern gelingt, gemeinsam an den 70. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes und das damit verbundene Unrecht zu erinnern. Der deutsche Außenminister Steinmeier hat einen solchen Vorschlag gemacht, den ich ausdrücklich unterstützen möchte.

Ich wünsche mir, dass wir im nächsten Jahr die Erinnerungsfeiern an 1989 als Chance wahrnehmen, über den Tellerrand nationaler Geschichtsbetrachtung hinaus zu blicken und uns gemeinsam bewusst machen, dass in jenem Jahr jenseits des „Eisernen Vorhangs“ ein wesentlicher Baustein zu unserem heutigen freien und demokratischen Europa gelegt wurde.

05. Juni 2008