Rede zum Gedenktag für die Opfer des Völkermords an den Armeniern 1915. Gedenkfeier der Armenische Gemeinde zu Berlin im Französischen Dom

Berlin, 24. April 2009

Sehr geehrter Herr Alyanak,
sehr geehrter Herr Professor Beledian,
sehr geehrter Herr Broder,
verehrte Damen und Herren Mitglieder der armenischen Gemeinde,
verehrte Damen und Herren Ehrengäste und Gäste,

gemeinsam mit allen Armeniern überall auf der Welt und all denen, die am Schicksal dieses Volkes Anteil nehmen, erinnern wir heute, am 24. April, an den Völkermord an den Armeniern. Mitten im Ersten Weltkrieg und in seinem Schatten verloren 1,5 Millionen Menschen ihr Leben, das armenische Volk wurde aus seiner anatolischen Heimat vertrieben und entwurzelt. Am 24. April 1915 wurde die geistige Elite der in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, lebenden Armenier in einer Nacht- und Nebelaktion aus ihren Häusern und Wohnungen geholt und umgebracht. Dieses Datum wurde zum Symbol für die Massaker, Deportationen und Morde an den Armeniern im Osmanischen Reich in den Jahren 1915/16. Es war der erste Völkermord im Europa des 20. Jahrhunderts, dem in diesem Jahrhundert dann noch so viel Furchtbares folgen sollte.

Wir gedenken heute der Opfer, die umkamen. Wir gedenken der Überlebenden, der in die Welt Verstreuten und Heimatlosen, die sich mit ihren Nachkommen bis heute nicht von diesem Trauma erholt haben. Wir gedenken der Entwurzelten, derer, die bis heute auf der Suche nach ihrer Identität sind und derer, die in eine neue Identität gezwungen wurden. Solche Wunden können nur heilen, wenn sie erinnert werden. Opfer wie Überlebende und ihre Nachkommen brauchen die Anerkennung dieses ihres Schicksals, um Leben und Zukunft zu gewinnen. Deshalb sind wir hier – und es ist gut, dass Sie gekommen sind.

Die öffentliche Erinnerung an diesen Völkermord begann am 24. April 1919, vier Jahre nach den Ereignissen, unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, heute vor genau 90 Jahren. Im März 1919 hatte sich in Konstantinopel, der damals noch von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs besetzten Hauptstadt des Osmanischen Reiches, eine Gruppe überlebender armenischer Intellektueller zu einem Komitee zur Vorbereitung für diese Trauer- und Gedenkfeier zusammengefunden. Mit jener Trauerfeier begründeten sie die Tradition, genau an diesem Tag eines jeden Jahres dieses Völkermordes zu gedenken. Auch in Deutschland hat die von Johannes Lepsius gegründete „Deutsch- Armenische Gesellschaft“ im Jahr 1919 in der St. Hedwigskathedrale, nicht weit von hier, einen Gedenkgottesdienst gehalten.

Dass wir gerade in Deutschland diese Erinnerung wach halten ist schon deshalb wichtig, weil wir als Deutsche ein Stück Mitverantwortung an diesem Völkermord tragen. Das Deutsche Reich war damals bestens über die mörderischen Vorgänge im Osmanischen Reich informiert, durch Diplomaten, Militärs, die mit der verbündeten osmanischen Armee zusammenarbeiteten, und durch engagierte Zivilisten wie Johannes Lepsius. Trotzdem gab es keine Intervention bei den osmanischen Verbündeten, keinen Versuch Deutschlands, dem Morden Einhalt zu gebieten. Das Verfolgen der eigenen Kriegsziele und -interessen hatte bei der damaligen deutschen Reichsregierung und dem Generalstab Priorität vor dem Eintreten für dieses massakrierte Volk.

Auch hat es sich später in diesem letzten unseligen Jahrhundert oft wiederholt, dass zu Terror, Mord und Menschenrechtsverletzungen wegen anderer politischer Interessen geschwiegen wurde. Dies ist eine Herausforderung bis heute – wir dürfen nicht wegsehen! Wir dürfen nicht schweigen, wo Menschen leiden und ihrer Rechte beraubt werden – wo ganze Völker dem Tode geweiht werden. „Wo wir schweigen, werden die Steine schreien“, so heißt es in der Bibel. Aber wir sollten schreien!

Die Versuchung, sich die Situation schön zu reden in Ländern, in denen Menschenrechte verletzt werden, weil man die Kooperation mit ihnen sucht und weil man sie braucht, ist auch heute groß. Doch wir dürfen ihr nicht erliegen! Wo wir vor Menschenrechtsverletzungen, Terror und Mord, gar Völkermord wegschauen, versündigen wir uns!

Mit Recht haben die Vereinten Nationen in der Völkermordkonvention die Pflicht zum Eingreifen international festgeschrieben. Doch es ist eine Tragödie, zu erleben, wie seitdem bei massenhaftem Morden (ich denke etwa an Darfur) der Streit darüber geführt wird, ob es sich schon um einen Völkermord handelt oder nicht – eben um der Pflicht zu entgehen, zu intervenieren und das Morden zu beenden.

Meine Damen und Herren,

gerade wegen unserer eigenen Verflochtenheit in den Völkermord an den Armeniern bin ich froh, dass es uns vor vier Jahren, zum 90. Jahrestag, gelungen ist, im Deutschen Bundestag in einer Resolution dieser furchtbaren Geschichte zu gedenken. Hinter diese von uns damals gefundenen Aussagen dürfen wir nicht wieder zurückfallen. Und die damals beschriebenen Vorsätze müssen wir umsetzen!

Leider ist das bis heute nicht ausreichend der Fall. Zwar gibt es durchaus Lehrbücher und -materialien für Schulen, in denen der Völkermord behandelt wird, aber bis auf das Land Brandenburg gehört er nicht in die Lehr- und Rahmenpläne. Das aber ist wichtig, nicht zuletzt wegen der vielen türkischstämmigen Mitbürger, die mit uns hier in Deutschland leben; das gilt besonders auch hier in Berlin. Denn gerade angesichts aktiver türkischer Desinformationskampagnen ist es von großer Bedeutung, dass an unseren Schulen nicht Vorurteile, sondern Kenntnisse über diese Ereignisse nach dem letzten Stand der historischen Forschung vermittelt werden. Nur auf der Grundlage eines solchen Kenntnisstandes kann sich der von uns immer wieder erwartete Dialog zwischen Türken und Armeniern entwickeln! Und wenn es schon zwischen der Türkei und Armenien so schwierig ist, warum tun wir nicht wenigstens bei uns – hier in Deutschland – alles dafür, dass das Gespräch zwischen Armeniern und Türken, die bei uns leben, auf entsprechender Grundlage geschehen kann? Hier gibt es nach wie vor Handlungsbedarf bei den Ländern.

Ich bin sehr zufrieden darüber, dass es mit viel Mühe und Engagement gelungen ist, in Potsdam das Lepsiushaus zu einem Ort zu entwickeln, an welchem der Dialog und das Gespräch zu diesen Fragen gefördert und geführt wird. Im Bundeshaushalt sind die Mittel für den Innenausbau und die Einrichtung eingestellt und beschlossen. Umso betroffener macht es mich, dass die Umsetzung dieser Beschlüsse durch die Bundesregierung jetzt immer wieder verzögert wurde. Das muss ein Ende haben! Die Arbeit am Lepsiushaus ist nicht gegen die Türkei gerichtet. Im Gegenteil: Türkische Mitbürger aus Deutschland und der Türkei sind eingeladen, sich an der Arbeit dort zu beteiligen, am Dialog und dem noch heute so dringenden Werk der Versöhnung. Doch kann die Grundlage dafür nur sein, dass die historische Wahrheit nicht verschwiegen und verdrängt wird! Die Bundesregierung darf sich nicht in den Verdacht bringen lassen, dass sie solchem Verdrängen Vorschub leistet. Deshalb hoffe ich sehr, dass die Mittel nun schnell fließen und der Innenausbau durchgeführt werden kann.

Meine Damen und Herren,

mit Freude können wir feststellen, dass in der türkischen Gesellschaft es immer mehr Menschen gibt, die es sich nicht bieten lassen wollen, die Geschichtsdarstellungen zu verbiegen. So erinnerte heute Nachmittag in Istanbul eine „Kommission gegen Rassismus und Diskriminierung“ der Istanbuler Gliederung des türkischen Menschenrechtsvereins IHD an den großen Verlust, den die Vernichtung der kulturellen armenischen Elite nicht nur für die armenische Kultur und Sprache bedeutet, „sondern auch für uns!“ Bei dieser Gedenkfeier wurden armenische Lieder vorgetragen.Solche Initiativen machen Hoffnung!

Natürlich wissen wir, dass es noch ein weiter Weg ist, bis dieser Gedenktag am 24. April in der Türkei in einer breiten Öffentlichkeit und ohne Anfeindungen begangen werden kann. Ich aber bin überzeugt, dass dieser Tag kommen wird. Viele Türken werden dafür kämpfen und sich daran beteiligen, wie wir es heute schon sehen können. Vor einigen Wochen hatte ich die Möglichkeit, von der armenischen Grenze aus auf die östliche Türkei zu schauen und Ani zu sehen, diese uralte Hochburg armenischer Tradition und Kultur. Es blutete einem das Herz, zu sehen, was davon übrig geblieben ist. Und doch glaube ich fest daran, dass genau dort, im Osten der Türkei, einmalein allgemein zugänglicher Ort des Gedenkens, ein Ort der Erinnerung an diese reiche Tradition und ihr trauriges Ende entstehen wird – ein Ort, der Türken und Armeniern wichtig ist und besucht wird.

Diese Visionen, die ich hier ausspreche, sind verbunden mit der Vision einer demokratischen Türkei, in welcher die Freiheit der Meinungen zu Hause ist, in welcher alle Religionen gleichberechtigt nebeneinander praktiziert werden, in welcher sowohl Kurden wie Armenier anerkannt und frei leben, ihre Sprachen und Traditionen pflegen. Es wird eine Türkei sein, in welcher offener Streit zu gesellschaftlichen und historischen Fragen friedlich ausgetragen wird. Das ist dann die Türkei, die auch Mitglied der Europäischen Union sein wird. Solche Visionen müssen gedacht und ausgesprochen werden, damit sie Wirklichkeit werden können.

Meine Damen und Herren,

die furchtbaren Ereignisse von Tod, Terror, Deportation und Entwurzelung vor 94 Jahren haben sich tief und prägend in die Identität des armenischen Volkes eingegraben, denn kaum eine Familie blieb damals verschont. So ist wohl fast jeder Armenierheute Nachkomme eines Überlebenden, der aber eben auch betroffen war durch Deportation, Flucht und Entwurzelung. So ist es völlig verständlich, wenn Armenier heute in Armenien und in aller Welt darum ringen, dass dieses Trauma ihrer Geschichte anerkannt und nicht relativiert wird. Das ist nicht nur berechtigt, sondern auch zu unterstützen!

Und doch – glaube ich – reicht das nicht. Bestärkt wurde ich im Nachdenken darüber durch einen Aufsatz von Hrant Dink, dem türkischen Armenier, der sein öffentliches Nachdenken und seine klaren Worte in Istanbul mit dem Leben bezahlte. Er schrieb vor drei Jahren: „Wir sollten der Reichtümer gedenken, welche die einheimische Bevölkerung in Anatolien geschaffen hatte. Wir sollten an das Niveau denken, welches die höheren Schulen der Armenier, die in sieben Sprachen unterrichteten, der Weinbau, die Seidenherstellung, Handwerk und Literatur, Architektur, Musik Theater und Kunst zu dieser Zeit erreicht hatten.“ Hrant Dink beschreibt diese Erinnerung als Herausforderung, sich nicht allein von diesem Trauma des Genozids bestimmen zu lassen, sondern eben auch von dem großen kulturellen und geistigen Reichtum der armenischen Tradition und Geschichte – und diesen für die Zukunft fruchtbar zu machen.

Es ist ja die Frage: Was bedeutet es für die Armenier weltweit, dass es heute, nach Völkermord, Vertreibung und Entwurzelung einen unabhängigen Staat Armenien gibt, nicht mehr als Teil der kommunistischen Sowjetunion, einen Staat, in welchem dieses reiche Erbe fruchtbar gemacht werden kann? Gewiss, die Geschichte lastet auch auf diesem Land, neben dem Berg-Karabach-Konflikt wohl die größte Last. Fast scheint es ja, als wäre die Identität beider Nachbarn, Armeniens und der Türkei, ganz wesentlich durch diese unverarbeitete Geschichte und die negative Abgrenzung voneinander bestimmt.

Und doch gibt es auch hier Hoffnungszeichen. Die Gespräche zwischen beiden Ländern nach dem „Fußball-Gipfel“ im letzten Jahr haben erklärtermaßen eine Normalisierung der Beziehungen zum Ziel. Dabei wird es wichtig sein, die Erwartungen nicht zu hoch zu schrauben. Wenn es gelänge, diplomatische Beziehungen aufzunehmen und in absehbarer Zeit die Grenze zu öffnen, so wären das riesige Schritte.

Die Aufgaben sind groß. Man muss bedenken, dass die Unkenntnis in beiden Gesellschaften übereinander unvorstellbar groß ist. Natürlich ist das nicht nur eine Quelle von Vorurteilen und Stereotypen, die zum Teil auch noch gezielt geschürt werden, sondern auch von Unsicherheit und Angst – und daraus entsteht leicht Hass. Deshalb wird es Zeit brauchen, Zeit für Kontakte zwischen den Menschen, Zeit, um sich kennenzulernen. Das aber kommt nicht von allein und ist eine große politische und gesellschaftliche Aufgabe. In meinen Augen reicht es auch nicht, darauf zu hoffen, dass etwa eine türkische Regierung sich überwindet und den Genozid an den Armeniern anerkennt. Eine solche Aussage muss auch von der eigenen, desinformierten Gesellschaft verstanden werden können.

Was aber bedeutet es, wenn – wie eine Studie vor kurzem feststellte – 40 Prozent der Befragten in der Türkei nicht einmal wusste, dass Armenier anatolischen Ursprungs sind? Ich glaube, es ist viel komplizierter und braucht Zeit, Zeit für ziviles gesellschaftliches Engagement, offene Informationen und einen öffentlichen Diskurs, der die Gesellschaft vorbereitet und mitnimmt. Dafür trägt natürlich auch die türkische Regierung ihre Verantwortung, aber nicht nur sie!

Und genau an dieser Stelle kommt das Demokratiedefizit in der Türkei, aber auch jenes in Armenien ins Spiel. Ich bin überzeugt, dass in der wirklichen, bis tief in die Gesellschaft reichenden Demokratisierung sowohl der Türkei wie auch Armeniens die eigentliche Herausforderung für die nächsten Jahre besteht. Die Entwicklung Armeniens wird eben nicht nur durch die geschlossenen Grenzen zur Türkei und zu Aserbaidschan behindert und durch die damit verbundene Isolierung, sondern auch durch die fehlende Demokratie und den fehlenden Konsens im Lande. Deshalb ist die Freilassung der politischen Gefangenen auch ein Entwicklungsfaktor für Armenien selbst. Erst ein offener gesellschaftlicher Diskurs und die Möglichkeit der Partizipation für jeden Bürger werden die Kräfte freisetzen, die für Armenien so dringend erforderlich sind.

Dafür aber braucht es nicht nur eine klare Ansage der europäischen und der deutschen Politik, sondern vor allem eine aktive Zivilgesellschaft und ihre Unterstützung durch das westliche Ausland. Und genau hier hat die weltweite armenische Diaspora, wie ich glaube, eine große und weitreichende Aufgabe. Ich bin mir nicht sicher, ob diese heute schon in ausreichendem Maße wahrgenommen wird. Das heutige unabhängige – und übrigens auch von der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise schwer getroffene – Armenien braucht Aufmerksamkeit und Empathie, es braucht Engagement und kritische Solidarität. Von uns allen!

Lassen Sie mich zum Schluss noch einmal Hrant Dink zitieren. Er schreibt: „Claude Kebapciyan, französischer Staatsbürger, gebürtig in Yozgat und armenischer Intellektueller, sagte bei einem Podiumsgespräch in Istanbul vor einigen Jahren: ‚Als meine Väter abgeschleppt wurden, blieb die berühmte Uhr in Yozgat stehen. Es war 19.15 Uhr.’ Der Journalist Oral Calislar richtete bei einer Veranstaltung in Frankreich einen Aufruf an die Armenier und sagte: ‚Lasst uns diese Uhr wieder in Betrieb setzen!’“ Dem möchte ich mich anschließen!

Ich danke Ihnen.

24. April 2009