Markus Meckel macht Vorschlag zur Neugestaltung des polnischen Denkmals im Park Friedrichshain

Erläutern. Erweitern. Umdeuten.

Das „Denkmal des polnischen Soldaten und deutschen Antifaschisten“ im Volkspark Friedrichshain

Markus Meckel

Juni 2010

Am polnischen Nationalfeiertag und anderen wichtigen Gedenktagen – wie dem 1. September in Erinnerung an den deutschen Überfall auf Polen und den Beginn des Zweiten Weltkrieges – lädt die polnische Botschaft in Berlin Repräsentanten des Deutschen Bundestages, der Bundesregierung, der diplomatischen Vertretungen und der deutschen Gesellschaft zur gemeinsamen Kranzniederlegung am Denkmal des polnischen Soldaten im Volkspark Friedrichshain ein. So erfüllt dieses Denkmal in der Nähe des Berliner Zentrums eine für die gegenwärtigen deutsch-polnischen Beziehungen wesentliche öffentliche Funktion. Die ästhetische wie inhaltliche Gestaltung des Denkmals steht dazu jedoch in einem bemerkenswerten Kontrast: Ein Rotarmist, ein polnischer Soldat und ein deutscher Antifaschist im Schulterschluss, ein hoher Betonpfeiler mit einer wehenden Bronzefahne und den Staatswappen der Volksrepublik Polen und der DDR, eine Mauer mit den Worten „Für Eure und für unsere Freiheit“ auf Deutsch und Polnisch. Treppenstufen führen zu der erhöht gelegenen, weitläufigen Denkmalanlage, die auch in ihrer Ästhetik den kommunistischen Geist ihrer Entstehungszeit nicht verleugnen kann.

Am 14. Mai 1972, im Jahr der Einführung des sog. visafreien Verkehrs zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen, wurde das Denkmal des polnischen Soldaten und deutschen Antifaschisten in Anwesenheit hochrangiger Vertreter der Staatsorgane beider Länder eingeweiht. Die Initiative zur Errichtung des Denkmals war bereits Mitte der 1960er Jahre von regimenahen Vereinigungen in beiden Ländern ausgegangen, von dem polnischen Veteranenverband „ZwiÄzek Bojowników o WolnośÄ i DemokracjÄ (ZBOWiD)“, zu deutsch: Verband der Kämpfer für Freiheit und Demokratie und dem Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer (KdAW) in der DDR. Ein zwischenstaatliches Abkommen beider Regierungen besiegelte den Bau des Denkmals. Mit der Umsetzung war eine Gruppe polnischer und deutscher Künstler betraut worden: Tadeusz Łodzian, Zofia Wolska, Arnd Wittig und Günter Merkl schufen die Anlage im Stil kommunistischer Ehrenmäler. Ehren sollte es die „ (…) Polnische Volksarmee, die an der Seite der Sowjetarmee einen ruhmvollen Kampfweg von Lenino bis Berlin zurücklegte und einen Beitrag für die Befreiung der Völker Europas vom Faschismus leistete“ und wach halten sollte es das Andenken an „ (…) die Taten der deutschen Antifaschisten, die bei der Verteidigung der höchsten moralischen Werte ihres Volkes gemeinsam mit den sowjetischen und polnischen Genossen den Kampf gegen den faschistischen Terror führten und damit während der faschistischen Diktatur die Vision der künftigen sozialistischen Deutschen Demokratischen Republik schufen.“, so die Inschrift auf Deutsch, Polnisch und Russisch.

Neben weiteren im und um den Volkspark Friedrichshain platzierten Denkmälern wie z.B. dem „Roten Matrosen“ (1960), dem „Denkmal der Spanienkämpfer“ (1968) oder dem monumentalen Ernst Thälmann-Denkmal (1986) zeigt das Denkmal in seiner Form von 1972 deutlich die Bemühungen des kommunistischen Regimes, den öffentlichen Raum mit ihrem ideologisch verzerrten Geschichtsbild zu prägen und dies so im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern. Das polnische Denkmal soll – die historischen Abläufe entstellend, aber der Ideologie vom gemeinsamen Klassenkampf entsprechend – den gemeinsamen Kampf von antifaschistischen Deutschen und Polen gegen die Nazis darstellen. Die DDR stilisiert sich als Erbin der „guten“, antifaschistischen Kräfte Deutschlands, während der Westen, die Bundesrepublik, die Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus trägt. Diese Darstellung muss heute zu starken inhaltlichen Bedenken führen. Dazu kommt schon im ersten Eindruck ein ästhetisches Unbehagen.

Vor diesem Hintergrund wurde 1995 am Denkmal auf Initiative der polnischen Botschaft eine Tafel in deutscher und polnischer Sprache angebracht, die eine kurze Erläuterung der Entstehung des Denkmals gibt und erklärt, dass es die „damals offiziell anerkannten Helden“ ehrt. Dies ist ein deutlicher Hinweis an den Betrachter, das Denkmal aus heutiger Perspektive kritisch zu sehen und zu hinterfragen. Außerdem wird das Gedenken auf die Soldaten der polnischen Heimatarmee, auf polnische Kämpfer in den alliierten Armeen, auf Widerstandskämpfer aber auch Zwangsarbeiter, Häftlinge und Kriegsgefangene und deutsche Widerständler gegen den Nationalsozialismus ausgeweitet.[1] So wird durch die nachträglich angebrachte Plakette weit über die ursprüngliche die Botschaft des Denkmals hinausgewiesen. Dies ist aus heutiger Sicht auch dringend notwendig, führt aber gleichzeitig dazu, dass die gestalterische Darstellung der Gesamtanlage in einer deutlichen Spannung zu dieser Erweiterung steht. So ist die mit der Erweiterungstafel gefundene Lösung keineswegs zufriedenstellend. Die 1995 hinzugefügte Tafel verstärkt eher noch den Eindruck, dass das Denkmal aus heutiger Sicht überholt ist und die Geschichte ideologisch verzerrt darstellt. Sie unterstreicht, dass es nicht so bleiben kann, wie es ist.

In meinen Augen ist eine Neugestaltung des Denkmals von großer Bedeutung. Ich schlage vor, entsprechend dem schon vorhandenen Motto „Für Eure und unsere Freiheit“, die Bedeutung und den Anteil Polens an der deutschen Freiheitsgeschichte ins Zentrum zu stellen. Neben einer künstlerischen Neugestaltung sollte diese Geschichte anhand zusätzlicher Tafeln dargestellt werden, so dass das Denkmal nicht nur zu einem Ort würdigen Gedenkens wird, sondern ebenso zu einem Lernort.

Polens Einfluss auf die deutsche und die europäische Freiheits- und Demokratiegeschichte ist in Deutschland immer noch viel zu wenig bekannt. Dabei denke ich etwa an die kurze aber intensive Phase der gegenseitigen Unterstützung innerhalb der Freiheitsbewegungen während des Völkerfrühlings im 19. Jahrhundert, das Hambacher Fest oder den Kampf polnischer Einheiten gegen Nazideutschland. Nur wenige in Deutschland wissen, dass auch eine hohe Zahl polnischer Soldaten an der Seite nicht nur der sowjetischen, sondern auch der französischen, britischen und amerikanischen Armeen uns von den Schrecken des Nationalsozialismus befreite. Erinnert sei dabei unter anderem an die Armee von General Anders und an den hohen polnischen Einsatz in den Schlachten um Monte Cassino oder Berlin. Wichtige Kapitel der deutschen und europäischen Freiheits- und Demokratiegeschichte, an denen Polen mitschrieb, sind zudem die Rolle der SolidarnośÄ-Bewegung beim Niedergang der kommunistischen Diktaturen in Mittel- und Osteuropa, Polens Zustimmung zur Vereinigung Deutschlands 1990, schließlich auch Polens Weg in die Europäische Union und das heutige gemeinsame Engagement in Europa. Bei der meines Erachtens notwendigen Umgestaltung und Erweiterung des Denkmals durch Tafeln oder Anbauten sollte der Satz „Für eure und unsere Freiheit“ deshalb in jedem Falle seine zentrale Position behalten.

Diese für Polen bis heute wichtige Losung aus der Zeit der liberalen und nationalen Bewegungen in Europa in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, im Zentrum des Denkmals in eine niedrige Mauer gemeißelt, lässt einen bei einer 1972 von zwei kommunistischen Staaten errichteten Anlage staunen, suchten sie doch jede freiheitliche Regung in ihren Ländern zu ersticken.

Es wäre sehr zu begrüßen, wenn Deutschland und Polen gemeinsam einen Diskurs um die Um- bzw. Neugestaltung des Denkmals begännen und schließlich zu einer gemeinsamen Entscheidung kämen. Es wird darüber zu diskutieren sein, ob die notwendige Umgestaltung des Denkmals an die vorliegende Gestaltung anknüpfen und sie ergänzen soll, oder ob eine umfassende Neugestaltung vorzuziehen ist. Wichtig wäre in jedem Fall, hier einen gemeinsamen Ort des Lernens, einander Verstehens und Gedenkens zu schaffen. Ob dies von den Regierungen beider Länder ausgeht oder den Partnerstädten Berlin[2] und Warschau – es bedarf in jedem Falle einer gemeinsamen Initiative von offizieller Seite. Es dürfte nicht schwer sein, dass polnische und deutsche Historiker und Experten zu einem gemeinsamen Konzept finden.

Ich persönlich trete dafür ein, auch künstlerisch mit einer Ausschreibung zu einer völlig neuen Gestaltung zu kommen und so einen Gedenk- und Lernort für den polnischen Anteil an unserem Kampf für Freiheit, Demokratie und Einheit zu schaffen.

So könnte ein würdiger Ort auch für das öffentliche und offizielle Gedenken entstehen.



[1] Vollständiger Text der Inschrift: „Dieses Denkmal wurde 1972 von den Regierungen beider Länder zur Ehrung der damals offiziell anerkannten Helden im Kampf gegen den Nationalsozialismus errichtet. Heute wird an dieser Stelle auch derer gedacht, die als Soldaten der Armee des polnischen Untergrundstaates, der alliierten Streitkräfte und der polnischen Widerstandsbewegung gekämpft haben und gefallen sind, die als Zwangsarbeiter, Häftlinge und Kriegsgefangene verschleppt und ermordet wurden sowie aller Antifaschisten des deutschen Widerstandes, die ihr Leben für die Befreiung vom Nationalsozialismus geopfert haben. Berlin 1995“

[2] Das Denkmal steht unter der Verwaltung des Bezirks Berlin-Friedrichshain

05. Juli 2010