Außenminister a.D. und Mitglied des Deutschen Bundestages von 1990 bis 2009
Senior Associate Fellow der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP)

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Die Seele der Ostdeutschen - Erklärungssuche: Der Ostbeauftragte spricht von Kollapserfahrungen, Markus Meckel von Stammtischverhalten

27.03.2018

Warum sind die Ostdeutschen angeblich skeptisch, mögen angeblich keine Flüchtlinge und wählen besonders häufig die AfD? Am Wochenende gab es gleich mehrere Erklärungsversuche. Der neue Ostbeauftragte der Bundesregierung, Christian Hirte (r.), begründet die Skepsis vieler Ostdeutscher in der Flüchtlingskrise mit ihrer Erfahrung des gesellschaftlichen Zusammenbruchs. Dass ihre Abwehr gegenüber Flüchtlingen größer als im Westen sei, habe auch etwas mit ihrer „Angst davor zu tun, dass die eigene Lage wieder schlechter wird“, sagte der aus Thüringen stammende CDU-Politiker dem Berliner „Tagesspiegel am Sonntag“. 1990 habe ihnen der Staat versprochen, dass alles besser werde – „und erlebt haben sie den faktischen Komplettzusammenbruch der Wirtschaft“. Diese Erinnerungen machten die Ostdeutschen viel skeptischer, „ob der Staat die Flüchtlingskrise bewältigen kann, und lässt alte Sorgen aufleben, dass sie selbst die Konsequenzen zu tragen haben, wenn es schiefgeht“.

Der gesellschaftliche Umbruch nach dem Fall der Mauer sei gewaltig gewesen. „Niemand im Westen kann sich vorstellen, wie das ist, wenn um einen herum alles zusammenbricht, es keinerlei Gewissheit aus Erfahrung gibt und Sorgen um die Zukunft. Selbst der harte Strukturwandel im Ruhrgebiet ist dagegen eine harmlose Veranstaltung“, erklärte Hirte.

Hirte attestiert den Ostdeutschen eine besondere Wahrnehmung des Staates. „Sie sind mit einem Staat sozialisiert worden, der allgegenwärtig und für alles verantwortlich war. Das prägt in beide Richtungen.“ Ostdeutsche seien staatlichen Bevormundungen gegenüber besonders kritisch und hätten gleichzeitig besonders hohe Erwartungen an den Staat.

Der letzte Außenminister der DDR, Markus Meckel (SPD), sieht fehlende Wertschätzung der ostdeutschen Leistungen bei der Wiedervereinigung als einen Grund für das heutige Wahlverhalten. „Wir müssen den ostdeutschen Part am Prozess der Wiedervereinigung viel stärker in den Blick nehmen“, sagte Meckel gestern im MDR. Bisher habe der Druck der DDR-Bevölkerung und die Rolle der ersten frei gewählten Regierung der DDR weder im Fokus der politischen noch der historischen Aufarbeitung gelegen. Diese Nichtbeachtung sei ein Grund für die Wahlergebnisse in den ostdeutschen Bundesländern.

Meckel, der an den Verhandlungen über die Wiedervereinigung beteiligt war, sagte weiter, die Wiedervereinigung sei nicht nur durch den „Kanzler der Einheit“, sondern vor allem durch die Ostdeutschen errungen worden. Es gebe allerdings auch andere Gründe für das Abwenden der Ostdeutschen von den etablierten Parteien: „Der Horizont der Ostdeutschen ist nationaler ausgerichtet, als der der Westdeutschen.“ In den neuen Bundesländern werde nicht so sehr erkannt, dass der Wohlstand auch von einem funktionierenden Europa abhänge.

Zusätzlich seien im Osten, wie in vielen anderen postkommunistischen Gebieten auch, die Menschen skeptischer gegenüber Parteien, sagte Meckel: „Die Identifikation mit Regierungen ist noch immer geringer.“ Deswegen würden Leute öfter in „Stammtischverhalten“ zurückfallen, anstatt sich aktiv in die Politik einzubringen. Dabei seien doch „in Demokratien die Parteien das Instrument der Willensbildung.“

 

Quelle: https://www.svz.de/19363716 ©2018