Außenminister a.D. und Mitglied des Deutschen Bundestages von 1990 bis 2009
Senior Associate Fellow der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP)

Aktuelles

Neuer biografischer Essay von Markus Meckel in der Monatszeitschrift ZNAK: Protestantismus und Politik in Deutschland

17.10.2017

 

You will find the article in Polish here. 

 

Markus Meckel

Protestantismus und Politik in Deutschland – ein biografischer Essay

Ein Beitrag für die Monatszeitschrift ZNAK – Juli 2017

(ZNAK Nr. 749, Pazdziernik (10), 2017, 62 – 68)

 

 

Eine allgemeine Abhandlung über Protestantismus und Politik auf wenigen Seiten zu schreiben, erschiene mir vermessen. So habe ich mich entschieden, einen biografischen Zugang zu wählen, als Protestant, der in der DDR in einem evangelischen Pfarrhaus aufgewachsen ist, kein staatliches Abitur machen durfte, an kirchlichen Ausbildungsstätten Theologie studierte und dann selbst in der DDR noch Pastor war, erst in einer Mecklenburgischen Gemeinde und dann als Leiter einer ökumenischen Bildungs- und Begegnungsstätte bei Magdeburg.

Der Teil Deutschlands, der zur DDR gehörte, war traditionell protestantisch geprägt. Hier liegen die historischen Stätten der Reformation. Die meisten Katholiken, denen ich in meiner Jugend begegnet bin, stammen aus Familien, die als Flüchtlinge, „Umsiedler“ und „Vertriebene“ aus dem Sudetenland oder Schlesien in das Gebiet der späteren DDR gekommen sind.

„Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ So lautet der Überlieferung nach eines der wohl bekanntesten Worte Martin Luthers, als er vor dem Reichstag in Worms sich weigerte, seine theologischen Thesen, die zur Reformation führten, zu widerrufen - ein großer Akt von Mut und Freiheit. Luther stand zu dem, was er für wahr und als Gottes Wort erkannt hatte. Das imponierte mir schon als Jugendlichem. Solcher Mut zur Wahrheit den Mächtigen gegenüber beeindruckt und erwärmt das Herz. Auf der Wartburg übersetzte Martin Luther dann das Neue Testament und später die ganze Bibel. Es wird mit zu dem Wichtigsten zählen, was deutsche Sprache und Kultur bis heute prägt. Das Wort Gottes – so wollte es Luther - sollte für jeden in seiner Muttersprache zugänglich sein, die christliche Botschaft für jeden existentiell hörbar werden und so das Leben ausrichten. Dem einzelnen Glaubenden wurde zugetraut, auch ohne die auslegende Autorität der Kirche als Zwischeninstanz selbst zu verstehen und auf Gott zu hören!     

Dies war – wenn man so will – ein wirklicher Trompetenstoß der Emanzipation und Freiheit!

Solche Bilder von Christen, die für ihre Sache einstanden und bereit waren, dafür auch Leid auf sich zu nehmen, haben mich schon als Jugendlichen schwer beeindruckt. Wir lebten in der kommunistischen DDR in dem Bewusstsein, dass solche Herausforderungen auf uns zukommen konnten. Da waren Martin Luther, Albert Schweitzer, Dietrich Bonhoeffer, Martin Niemöller, Kurt Scharf, Martin Luther King und viele andere orientierende Vorbilder.

Gleichzeitig aber wurde man nicht nur in der Schule mit der Schuldgeschichte der Kirche konfrontiert, mit den Kreuzzügen, mit der kirchlichen Unterstützung von Sklaverei und Kolonialismus, mit der Hörigkeit gegenüber der Obrigkeit, mit fehlendem Widerstehen gegenüber dem Nationalsozialismus. So gab es schon früh die Aufgabe zu unterscheiden, nach eigenem Urteilen zu suchen – und auch dunkle Seiten der eigenen Geschichte anzuerkennen.

Die Geschichte der Kirche war – und daran besteht kein Zweifel - in den letzten Jahrhunderten über weite Strecken alles andere als eine Freiheitserfahrung. Da wurden – nicht zuletzt in Deutschland – die Kirchen und die Religion insgesamt eher als Mächte der Unfreiheit angesehen. Die Aufklärung hatte sich mit den Kirchen schwer auseinanderzusetzen. Man denke an Ephraim Lessing, dessen Ringparabel zum Verhältnis der Religionen noch heute Lehrstoff in den Schulen ist, und seinen erbitterten Streit mit dem Hamburger Pastor Johann Melchior Goeze, der ihm Zensur und Schreibverbot einbrachte. Interessanterweise war es gerade die proklamierte Religionsfreiheit, die bei den Kirchen Anstoß erregte, denn sie umfasste auch das Recht, sich zu einer anderen Konfession oder Religion zu bekennen – und das wollte man denn doch nicht einfach zugestehen.

Die besonders im deutschen Protestantismus entstandene Verbindung von Thron und Altar und die damit von daher interpretierte Zwei-Reiche-Lehre führten dazu, dass der christliche Glaube im 19. Jahrhundert für freie Geister zunehmend als Religion zur Erziehung gehorsamer Untertanen angesehen wurde. So war es kein Zufall, dass Karl Marx und die entstehende Sozialdemokratie stark mit einem religionskritischen, ja, atheistischen Impetus verbunden wurden. Mit der Machtübernahme der Bolschewiki in Russland und dann mit der Erfahrung des Kommunismus im östlichen Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, war, was einmal emanzipatorisch begonnen hatte, untrennbar mit der Erfahrung von Unfreiheit und Terror verbunden – und dem gegenüber entdeckten wir im christlichen Glauben eine freiheitliche Perspektive. Die evangelischen Kirchen in der DDR, in denen ich geprägt wurde, hatten ihre geistigen Wurzeln in der Bekennenden Kirche aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Nach dem Sieg über Hitlerdeutschland anerkannte die Sowjetische Militäradministration (SMAD) in ihrer Besatzungszone die 1934 gegen die Übergriffe des nationalsozialistischen Staates auf die Kirche gegründete „Bekennende Kirche (BK)“ als Widerstandsorganisation gegen Hitler an. Zwar wurde die Bekennende Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus keineswegs von der Mehrheit der evangelischen Christen unterstützt, doch kamen nach dem Weltkrieg die wichtigsten Führungspersönlichkeiten aus deren Reihen. Im Oktober 1945 hatten die protestantischen Kirchen in Deutschland (aller Besatzungszonen, einschließlich der sowjetischen!) die „Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)“ gegründet. Bei diesem Gründungstreffen wurde auch das „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ beschlossen, in dem es hieß: „Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Länder und Völker gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus. Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“

Vor diesem Hintergrund wurden die Kirchen in der Sowjetischen Besatzungszone nicht enteignet, ihre Institutionen einschließlich einer Reihe von Ausbildungsstätten wurden wieder genehmigt, sodass sie weitgehend unabhängig ihrer Tätigkeit nachgehen konnten. Die Möglichkeit, eigene Bildungsstätten ohne einen direkten Einfluss von Staat und Partei auf die Lehrinhalte zu betreiben, war innerhalb der kommunistischen Welt neben Polen wohl einzigartig. Die kirchliche Ausbildungslandschaft mit ihren vom Staat unabhängigen Lehrplänen reichte von Schulen für Diakonie, die Sozial- und Jugendarbeit, über Schulen für Katecheten für die Arbeit mit Kindern bis hin zum Theologiestudium an kircheneigenen Hochschulen, die zwar nicht so heißen durften, in Lehre und Qualität den theologischen Fakultäten an westdeutschen Universitäten aber in nichts nachstanden. Gerade diese theologischen Hochschulen waren ein Hort der Freiheit, weil an ihnen ein offener und freier Diskurs möglich war wie an keinem anderen Ort in der DDR.

 Wichtig war hier die Barmer Theologische Erklärung aus dem Jahr 1934. Dort heißt es in der zweiten These: „Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als gäbe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften.“

Diese Botschaft, Jesus Christus als Herrn über das ganze Leben anzuerkennen, also auch für das gesellschaftliche und politische, sich von ihm orientieren zu lassen, hat für uns in der DDR, in der kommunistischen Gesellschaft eine große Rolle gespielt. Hier war auch Dietrich Bonhoeffer wichtig, der als Christ Glaube und Weltverantwortung sehr eng zusammengesehen hat. Das hatte ihn nicht nur zum Hitlergegner gemacht, sondern eben auch in den konkreten Widerstand geführt. Bonhoeffer war Pazifist. Mein Vater war es als ehemaliger Offizier der Wehrmacht nach dem Zweiten Weltkrieg auch geworden. Wie viele Christen teilten wir die Grundüberzeugung, dass militärische Mittel im Atomzeitalter Konflikte nicht lösen können. So verehrten wir dann auch Martin-Luther King und seinen gewaltlosen Widerstand. Hier fanden wir eine wesentliche Orientierung für gesellschaftliches Engagement. Widerstand gegen Diskriminierung und die Weigerung, sich die Verantwortung für die gesellschaftliche Wirklichkeit absprechen zu lassen, das wurde für mich früh zu einer wesentlichen, protestantisch geprägten Maxime des Lebens.

Da mein Vater evangelischer Pastor war, bin ich in der DDR in einem protestantischen Pfarrhaus groß geworden. Durch die besondere gesellschaftliche Rolle von Kirche in einem kommunistischen Staat, spielte das Pfarrhaus hier noch eine bedeutende Rolle.

Entsprechend der herrschenden Ideologie sollten Religion und Kirche zunehmend der Vergangenheit angehören. Der sozialistische Staat wartete aber nicht nur ab, wann Religion wirklich abstirbt, sondern sah sich durchaus berufen, dem auch nachzuhelfen – mit durchaus bemerkenswertem Erfolg, wenn man bedenkt, dass heute in Ostdeutschland die Kirchen durchschnittlich nur ein Drittel so viele Mitglieder haben wie im Westen Deutschlands.

Wer in einem Pfarrhaus aufwuchs, lebte also in einer durchaus eigenen, vom Normalen unterschiedenen Welt – ein Stück ausgegrenzt und isoliert auf der einen Seite, gleichzeitig aber damit ein Stück weit auch abgeschottet von dem üblichen Druck, der auf den Menschen lastete. Auch wenn die Gemeinden kleiner wurden, das Pfarrhaus war vielfach das Zentrum der Gemeinde, hier trafen sich die Menschen, die durch ihren christlichen Glauben andere Schwerpunkte in ihrem Leben setzten, als es sonst in der durch Partei und Staat bestimmt war.

In den Kirchen wurde die Zusammengehörigkeit von Ost und West bewusst gelebt und gepflegt. Jede evangelische Gemeinde in der DDR hatte im Westen Deutschlands eine Partnergemeinde – und oft wurde diese Partnerschaft durch vielfache Besuche und Kontakte auch gepflegt. So wurden sie zu Inseln, in denen ganz selbstverständlich der nationale Zusammenhalt praktisch gelebt und erfahrbar wurde – unabhängig davon, dass wohl die meisten, wie ich selbst, nicht glaubten, jemals die staatliche deutsche Einheit erleben zu können.

 

Eigentlich während der ganzen DDR-Zeit war es unter Pfarrerskindern nicht üblich, sich an den staatlichen, kommunistisch geprägten Kinder- und Jugendorganisationen wie den Jungen Pionieren und der FDJ zu beteiligen oder auch neben der Konfirmation die Jugendweihe zu machen, obwohl es auch dies immer wieder gab. Wer sich dem verweigerte, hatte aber geringere Ausbildungs- und Aufstiegschancen. Viele Pfarrerskinder machten in der Schule die Erfahrung, immer wieder auch ziemlich allein zu sein und litten unter diesem Druck. Um sich durchzusetzen, mussten sie oft in ihren Leistungen besser sein als die anderen. Trotzdem wurde vielfach die höhere Bildung verweigert. Auch ich konnte an einer staatlichen Schule kein Abitur machen. Glücklicherweise gab es nun aber kirchliche Ausbildungsstätten, die ein vom Staat unabhängiges – und vom ihm nicht anerkanntes – Abitur, soziale Berufe und auch ein Theologiestudium ermöglichten.

Die Pfarrhäuser waren gewissermaßen bürgerliche Inseln mit eigenen Traditionen und einer nicht von außen geleiteten Gedanken- und Lebenswelt. Nicht zuletzt war das an den oft reichhaltigen und breit angelegten Bibliotheken zu sehen, deren Anteil an westlichen Ausgaben meist recht hoch war. Die Kirchen waren die einzigen sich selbst organisierenden Institutionen, auf welche der Staat keinen unmittelbaren Einfluss hatte.. Kirchgemeinden und insbesondere die Pfarrhäuser wurden als Orte großer geistiger Freiheit wahrgenommen. Hier gab es selbständiges Denken, freies Reden und einen offene Diskurs.. Dies erklärt auch, weshalb 1989/90 so viele engagierte Christen und Pfarrer in der Friedlichen Revolution und danach eine wichtige Rolle spielten.

 

Schon als Jugendlicher habe ich in der Kirche viel Streit miterlebt, etwa zu ethischen Fragen, die den Einzelnen betreffen, zu Fragen des Miteinanderlebens als auch zu denen der Gesellschaft. Es ging z. B. um Sexualität vor der Ehe oder um die Frage der Wahlbeteiligung, denn wir wussten ja doch, dass es in der DDR Wahlen im eigentlichen Sinne nicht gab. Ich erinnere mich auch an die kontroversen Diskussionen über die neue Verfassung in der DDR 1968 und an die Auseinandersetzung mit der Frage, ob Kirchen auch Befreiungsbewegungen in der sogenannten „Dritten Welt“ unterstützen dürfen, die mit der Waffe kämpfen. Wichtig war ebenso die Frage, ob die Wehrpflicht zu akzeptieren sei. Ich selbst habe schließlich den Wehrdienst total verweigert, auch den als Bausoldat, da er innerhalb der militärischen Strukturen abzuleisten war.

Angesichts der die kommunistische Ideologie prägenden atheistischen Propaganda und des staatlichen Druckes beschränkten sich die katholische Kirche und die evangelischen Freikirchen im Wesentlichen darauf, das innerkirchliche und kultische Leben gegenüber dem atheistischen Umfeld  zu verteidigen und aufrechtzuerhalten. Politische Stellungnahmen blieben bis auf wenige Ausnahmen tabu. Im Gegensatz dazu spielte in den evangelischen Landeskirchen in der Tradition der Bekennenden Kirche die Auseinandersetzung mit dem politischen und gesellschaftlichen Umfeld eine zentrale Rolle. In der „Barmer Erklärung“ von 1934, welche für die Kirchen in der DDR Bekenntnisrang hatte, heißt zum Verhältnis von Staat und Kirche, dass der Staat die Aufgabe hat, „in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen“. Der Kirche wird dagegen der Auftrag gegeben, gegenüber dem Staat „an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten“ zu erinnern. So wurde durch Abkündigungen, d. h. durch Erklärungen in den Gottesdiensten der Kirchgemeinden, durch Beschlüsse und Stellungnahmen ihrer Kirchenleitungen und in den nach demokratischen Prinzipien arbeitenden Synoden vielfach Position bezogen zu den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen im Lande. Dies führte immer wieder zu Konflikten, einerseits innerhalb der Kirchen selbst, andererseits aber auch zwischen Staat und Kirchen. Die Kirchen versuchten, sich gegenüber dem Totalitätsanspruch des Staates zu wehren und den Menschen Lebensräume zu eröffnen, in denen sie in ihrer Würde anerkannt waren, sich dem Dienst an den Mitmenschen widmen und immer wieder das Risiko eingehen konnten, Freiheit und Wahrheit im Namen Gottes zu thematisieren. Die Liste der Themen, die von den evangelischen Kirchen öffentlich angesprochen wurden, ist lang. Natürlich gehörte dazu das Einklagen der in der Verfassung garantierten, aber ständig verletzten Religionsfreiheit und die damit verbundenen Erziehungs- und Bildungsfragen. In den 1970er- und 1980er-Jahren wurden Fragen der Erhaltung der Schöpfung, das heißt der Erhalt der natürlichen Umwelt, Menschenrechtsfragen und Fragen eines gerechten Miteinanders angesprochen. Eine besondere Brisanz hatte aber immer wieder die Friedensfrage.

Die evangelischen Kirchen in der DDR, die sich 1969 zum Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR zusammengeschlossen hatten, begrüßten die neue Ost- und Entspannungspolitik der Regierung Willy Brandts und der sozialliberalen Koalition in der Bundesrepublik, die Politik der Versöhnung und der Grenzanerkennung gegenüber Polen  und die Schlussakte von Helsinki, den KSZE-Prozess (Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa).

Mit der Aufstellung von modernisierten Mittelstreckenraketen durch die Sowjetunion (die sogenannten SS 20) und dem NATO-Doppelbeschluss von 1979 wuchs das Gefühl der Bedrohung in der Bevölkerung beider deutscher Staaten in erheblichem Maße, denn es war klar, dass im Falle eines Krieges von Deutschland nichts übrigbleiben würde. Im Westen Deutschlands entstand eine Friedensbewegung, die viel Widerhall und Rückhalt in der Öffentlichkeit fand – und vonseiten der SED vielfältige offene und geheime Unterstützung.

Aber auch in der DDR-Bevölkerung gab es eine zunehmende Beunruhigung, Anfang der 80er Jahre entstand eine Vielzahl von Initiativen und Friedensgruppen, die sich die Auseinandersetzung mit sicherheitspolitischen und Friedensfragen zur Aufgabe machten. Die meisten dieser Gruppen entstanden in den evangelischen Kirchen. Vielerorts begann man mit regelmäßigen Friedensgebeten. Symbol der ersten Friedensdekade 1981, einer dann jährlich im November abgehaltenen Veranstaltungsreihe, war das Signet „Schwerter zu Pflugscharen“, das viele Menschen als Aufnäher an ihren Jacken trugen. Die staatlichen Stellen reagierten aggressiv und erhöhten den Druck auf die Kirchen, ihrerseits diese Gruppen zu bekämpfen oder zumindest in ihren Aktivitäten zu behindern. Dies wiederum führte innerhalb der Kirchen zu intensiven internen Auseinandersetzungen. Während die einen in diesen gesellschaftskritischen Gruppen eine Gefahr für die Kirchen und ihren Selbsterhalt sahen, sie deren Arbeit in keinem Zusammenhang mit dem christlichen Auftrag sehen wollten oder konnten, so sahen andere in diesen neuen Formen sozialen Handelns eine Hoffnung und Herausforderung für die Kirchen selbst. Gingen sie doch davon aus, dass die gesellschaftlichen und globalen Zukunftsfragen sehr wohl mit der christlichen Botschaft verbunden sind.

In 1989 war Mitteleuropa in Bewegung geraten. In Polen hatte der Runde Tisch mit dem Beschluss von (halb-)freien Wahlen geendet, die dann im Juni mit dem Sieg der Solidarnosc endeten. Das war eine ungeheure Ermutigung. Gleichzeitig war die ungarische Regierung dabei, die Grenzbarrieren nach Österreich abzubauen. Zigtausende DDR-Bürger flohen über Ungarn in den Westen, besetzten die Botschaften in Prag und Warschau und kamen von dort in den Westen. Ab September gingen immer mehr Menschen zu Friedensgebeten in die Kirchen und anschließend – oft mit Kerzen in den Händen – zu Demonstrationen und Kundgebungen auf die Straßen. Am 9. Oktober waren es in Leipzig 70.000 Menschen. Die Menschen verloren die Angst. Kirchen wurden zu Diskussionsforen und Informationsbörsen über die neu entstehenden politischen Strukturen der Opposition. Die neu entstandenen Formationen der demokratischen Opposition  gründeten Anfang Oktober eine Kontaktgruppe, von der die Initiative zur Bildung eines Runden Tisches ausging, der wiederum in die freie Wahl am 18. März 1990 mündete. Am 9. November fiel die Mauer – die siegreichen Revolutionen Mitteleuropas bekamen damit ihr weltweit bekanntes Symbol. Der Kalte Krieg fand mit dem Sieg von Freiheit und Demokratie sein Ende – es wurde das Tor aufgestoßen für die deutsche Vereinigung und die des europäischen Kontinents. 

In der Friedlichen Revolution in der DDR spielten engagierte Christen und Kirchgemeinden eine große Rolle, die Kirchenleitungen dagegen nicht. Kirchen wurden zum Ort, an denen um die Zukunft der Gesellschaft als Ganze gerungen wurde. Der Zentrale Runde Tisch wie auch die in den Regionen wurden zumeist von Pastoren moderiert. Sie hatten das Vertrauen der Menschen und waren mit demokratischen Spielregeln vertraut. In dieser, nicht nur für die Deutschen, sondern für ganz Europa wichtigen Stunde konnten die – insbesondere evangelischen – Kirchen in der DDR zu lebendigen Zeugen der christlichen Botschaft von Freiheit und Gerechtigkeit werden.

Manche hatten 1990 gehofft, dass sich die schwierige Lage der Kirchen im Osten Deutschlands wieder verändern würde, da die Kirchen in der Friedlichen Revolution in Öffentlichkeit und Gesellschaft großes Vertrauen gewonnen hatten. Doch das erwies sich als Illusion. Die Politik der SED hatte sich in den Jahrzehnten der DDR in der Frage der Entchristlichung der Bevölkerung als sehr erfolgreich erwiesen. Die Repressionsmaßnahmen gegenüber Kirchen und Christen in den ersten 10-15 Jahren waren so wirksam, dass die große Mehrheit der Bevölkerung zwar nicht kirchenfeindlich, aber doch immer mehr christlichem Gedankengut und den Kirchen mit ihren (kulturellen) Traditionen entfremdet wurde. Diese Kirchenfremdheit blieb erhalten. Wenn im Westen Deutschlands noch ca. 75 % der Bevölkerung einer der Kirchen angehören, so sind es im Osten Deutschlands kaum mehr als 25 %. Vielen fällt schwer, sich die geistigen und kulturellen Grundlagen der eigenen Geschichte anzueignen.

In den 50er Jahren hatte die SED in der DDR die Jugendweihe eingeführt, um die kirchlichen Traditionen der Konfirmation (evangelisch) und Kommunion (katholisch) zu verdrängen. So wurde ein neuer Ritus geschaffen, der bis heute wirksam ist: 50 % der Jugendlichen nehmen noch heute an einer Jugendweihe teil, zwar ihres ideologischen Charakters entblößt, aber doch als rituelle familiäre Feier auf dem Weg des Erwachsenwerdens.

In der DDR hatten SED und kommunistischer Staat keine direkten Einflussmöglichkeiten auf die Kirchen. Umso mehr versuchten sie, durch die Staatssicherheit innerkirchliche Entscheidungen zu beeinflussen. Nachdem wir nach der deutschen Vereinigung den Zugang zu den Archiven der Staatsorgane der DDR einschließlich der Staatssicherheit ermöglichten, wurden diese vielfältigen Bemühungen öffentlich. Es hatte eben auch in den Kirchen Teile der Hierarchie und der Mitarbeiter gegeben, die mit der Stasi kooperierte. Der Aufwand der Stasi war immens, daran gemessen waren die Erfolge gering. Doch hat die öffentliche Debatte in den 90er Jahren über solche konkreten Fälle der Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit auch zu einem Vertrauensverlust gegenüber den Kirchen geführt.

Auch im Westen Deutschlands verlieren die evangelischen (wie die katholischen) Kirchen mehr und mehr Mitglieder. Es gibt intensive Diskussionprozesse darüber, wie die Kirchen dies abwenden können bzw. sich darauf einstellen müssen. Manchmal gewinnt man den Eindruck, dass gerade angesichts der kirchlichen Situation im Osten Deutschlands gelernt werden kann, wie die gesamtdeutsche Situation in wenigen Jahrzehnten aussieht. Dies sind unabgeschlossene Prozesse. Wichtig ist, dass sich in Deutschland gerade für das öffentliche Auftreten und bei kirchlichen Stellungnahmen in ethischen und politischen Fragen eine zunehmende ökumenische Zusammenarbeit entwickelt hat.  Mehr und mehr wird erkannt, dass die Kirchen in Öffentlichkeit und Gesellschaft besonders dann Gehör finden, wenn sie sich gemeinsam äußern. Ein wichtiges Beispiel war dafür das „Sozialwort“ der EKD und der katholischen Bischofskonferenz von 1997, „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“. Die Kirchen werden sich heute immer mehr bewusst, dass sie sich nicht mehr autoritativ an die Gesellschaft wenden können, um in ihr Gehör zu finden. Vielmehr hat es sich bewährt, dass sie – wo immer möglich gemeinsam und ökumenisch - in der Tradition der Ostdenkschrift der EKD von 1965 analytisch seriös und ethisch orientierend zu zentralen Fragen der Politik Stellung zu nehmen – und so die „Regierenden und Regierten“ an ihre Verantwortung vor Gott und den Menschen zu erinnern.