Außenminister a.D. und Mitglied des Deutschen Bundestages von 1990 bis 2009
Senior Associate Fellow der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP)

Aktuelles

Neuer Essay von Markus Meckel: Historisches Gedenken auf dem Weg der Versöhnung. 100 Jahre Unabhängigkeit Polens – eine gedenkpolitische Herausforderung

07.12.2017

Here you will find the polish version. 

 

Markus Meckel

Historisches Gedenken auf dem Weg der Versöhnung.

100 Jahre Unabhängigkeit Polens – eine gedenkpolitische Herausforderung

November 2017

 

Die Geschichte sollte ein Tor in die Zukunft sein. Was wollen wir als Symbole für die Zukunft wählen…? Jan Józef Lipski

(Zwei Vaterländer – zwei Patriotismen) - 1981

 

Im November 2018 wird Polen – wie manch anderer Staat in Europa – den 100. Jahrestag seiner Unabhängigkeit begehen. Im Gefolge des Ersten Weltkrieges errang Polen erstmals nach der 3. Teilung im Jahr 1795 wieder seine Staatlichkeit zurück. Die kaiserlichen Teilungsmächte Russland, das Habsburger und das Deutsche Reich zerfielen, hatten verloren oder waren – wie das russische Reich – mitten im Bürgerkrieg. Während des Weltkrieges hatten Polen jeweils in den Armeen dieser Teilungsmächte gekämpft – gegeneinander. Nun aber wurde Polen von den Siegermächten in Paris als neuer Nationalstaat anerkannt, wenn auch anfangs noch ohne Verfassung und klare Grenzen. Grundlegende Fragen waren zwischen den beiden führenden Persönlichkeiten und den von ihnen geführten politischen Kräften lange umstritten gewesen und blieben es lange. Roman Dmowski, Führer der nationalistischen Rechten, der „Nationaldemokraten“ hatte sich gegen die Deutschen gestellt und war eher dem zaristischen Russland zugeneigt. Józef Pilsudski dagegen war Führer der Sozialistischen Partei gewesen, hatte seit 1910 paramilitärische Organisationen aufgebaut, die den bewaffneten Kampf gegen Russland vorbereiteten und im Weltkrieg an der Seite der Habsburger kämpften. Während Dmowski seit 1917 mit dem „Polnischen Nationalkomitee“ in Paris gegenüber den Alliierten die polnische Sache vertrat, kämpfte Pilsudski nach der Staatsgründung gegen die Nachbarn in verschiedenen kriegerischen Konflikten um die polnischen Grenzen – und schuf Tatsachen. So kamen  Lemberg und Ostgalizien unter polnische Kontrolle , ebenso das Wilnaer Gebiet und schließlich blieb auch nach dem Konflikt mit der Tschechoslowakei ein Teil des Teschener Gebiets bei Polen (der andere wurde dann 1938 besetzt, als die Tschechoslowakei durch das Münchener Abkommen unter Druck gekommen war). Die wichtigsten und schwierigsten Kämpfe aber wurden mit der Roten Armee ausgetragen, die Polen in eine Sowjetrepublik verwandeln wollte. In der Schlacht bei Warschau 1920 gelang es Pilsudski in heikler militärischer Lage überraschend, im „Wunder an der Weichsel“ die Rote Armee zu schlagen und die Bolschewiki damit weit nach Osten abzudrängen.

Mit dem „Frieden von Riga“ 1921 waren die Grenzen Polens dann im Wesentlichen abgesteckt. Die siegreichen Alliierten hatten die Grenzen Polens zu Deutschland bestimmt und Polen im sogenannten Korridor einen Zugang zur Ostsee geschaffen. Zum Osten hin aber waren die Grenzen nicht wie im Westen in Paris von den Alliierten, sondern durch eigene militärische Kraft festgelegt worden, was Józef Pilsudski zum mächtigsten Führer werden ließ und seinen Ruf als Staatsgründer bis heute ausmacht. Für den Westen aber hatte sich Polen als erfolgreiches Bollwerk gegen die Bolschewiki und den Kommunismus erwiesen.

Polen war nun ein europäischer Nationalstaat und als parlamentarische Demokratie gegründet. Doch waren von den 27 Mill. Einwohnern nur 19 Mill. Polen, die anderen waren Ukrainer, Belarussen, Deutsche, Litauer und Tschechen – dazu kamen etwa 3 Mill. Juden. Während letztere dem polnischen Staat gegenüber in hohem Maße loyal waren, kann man dies von den anderen Minderheiten nicht behaupten, da sie sich den jeweiligen Nachbarn, ihren "Mutterländern" besonders verbunden fühlten. Das erschwerte die innenpolitische und gesellschaftliche Situation des jungen Staates, zumal die politische Stimmung in den benachbarten Staaten wie Deutschland auch nicht gerade stabil war. Die Nachkriegsordnung war hier schwer umstritten, der Versailler Vertrag wurde weithin abgelehnt und das „Heimholen verlorener Volksgruppen und Gebiete“ gehörte zur politischen Zielstellung wichtiger gesellschaftlicher Gruppen und Parteien.

Das Ende des Ersten Weltkrieges führte nicht nur zum Wiedererstehen Polens, sondern zur Gründung einer ganzen Reihe neuer Nationalstaaten. Die von den europäischen Fürstengeschlechtern geführten Reiche brachen zusammen, dazu das Osmanische Reich – und aus ihrer Verfügungsmasse entstanden mehr als zehn neue Nationalstaaten, die meisten von ihnen als parlamentarische Demokratien. Europa erhielt ein neues Gesicht und musste sich neu (er)finden.

Im Jahr 1917 waren die USA in den Weltkrieg eingetreten und Präsident Wilson hatte Demokratie und Selbstbestimmung für Europa als Kriegsziele benannt. Mit der sogenannten Oktoberrevolution in Russland und der Machtübernahme der Bolschewiki war die erste totalitäre Diktatur des Kommunismus errichtet worden – mit dem Willen, sich auf ganz Europa auszubreiten. Europa steht nunmehr seit einhundert Jahren vor diesen Alternativen: Demokratie oder totalitäre Diktatur. Letztere zeigte sich als Kommunismus, wenig später auf der anderen Seite des politischen Spektrums in Italien als Faschismus, dann in Deutschland als Nationalsozialismus. In den meisten europäischen Ländern gab es gesellschaftliche Gruppen, die sich diesen verbunden fühlten. Die kommunistischen Parteien den Bolschewiki, doch war ein radikaler und oft antisemitischer Nationalismus, der sich gegen Minderheiten und alles Fremde wandte, ebenfalls weit verbreitet.

In Paris waren die siegreichen Westmächte seit dem Kriegsende dabei, ihre Ordnungsvorstellungen untereinander auszuhandeln und in den verschiedenen „Pariser Vorortverträgen“ umzusetzen. Polen hatte unter ihnen einen guten Stand – es gab vonseiten der Alliierten schon länger die Zusage, Polen wiedererstehen zu lassen und ihm Zugang zur Ostsee zu verschaffen. Die früheren Teilungsmächte saßen nicht mit am Tisch, die Hohenzollern und die Habsburger hatten den Krieg verloren und abgedankt, ebenso wie der Zar kurz zuvor. Russland hatte zwar zu den Alliierten gehört, wurde aber nun von den Bolschewiki regiert und deshalb nicht nach Paris eingeladen. Polen wurde gewissermaßen zum Cordon Sanitaire gegenüber dem kommunistischen Russland, wofür es spätestens nach der siegreichen Schlacht vor Warschau geschätzt wurde. Selbst da, wo man die Bevölkerung abstimmen ließ wie im Falle Oberschlesiens, folgte man entgegen der eigenen Erklärung nicht dem Ergebnis der Abstimmung, sondern dem polnischen Interesse an dieser wichtigen Industrieregion. Solche Entscheidungen wurden von vielen in ganz Europa nicht unbedingt als gerecht empfunden, galten aber faktisch. Polen und Rumänien, aber auch die Tschechoslowakei konnten sich als Gewinner verstehen. Deutschland verlor dagegen nicht nur Elsass-Lothringen und die Polen zugesprochenen Gebiete sowie die Kolonien, was wohl weitgehende Akzeptanz gefunden hätte, ihm wurde auch die volle Kriegsschuld angelastet, was als unzutreffend angesehen wurde und zu viel Verbitterung führte. Noch schwerer traf es den ungarischen Staat. Er verlor etwa zwei Drittel seines Territoriums und mehr als 70% seiner Bevölkerung, schrumpfte also auf ein Drittel des ungarischen Teils der Doppelmonarchie. Die Nachbarländer bekamen auch solche Territorien zugesprochen, in denen Ungarn die Mehrheit bildeten.   

Insbesondere Präsident Wilson sah es als seine Berufung an, dass in den Nachkriegsstaaten Europas und bei den neuen Staatsgründungen Demokratien entstehen. Er war eine wichtige, ja, die treibende Kraft, die zu Kriegsende für das Abdanken der alten Monarchien eintrat. In den neu geschaffenen Nationalstaaten übernahmen – meist nach heftigen inneren Kämpfen - neue demokratische Kräfte die Regierungsgewalt, zumeist solche, die vielfach schon gegen die militanten monarchischen Mächte für den Frieden eingetreten waren, wie in Deutschland die Sozialdemokraten. Es wurde zu einer großen Belastung für die künftige Entwicklung, dass auch diese, nach Wahlen von Demokraten geführten Regierungen von den siegreichen Alliierten nicht nach Paris zu den Friedensverhandlungen eingeladen wurden. Man legte auch ihnen alternativlose Friedensverträge vor, als wären sie die Verantwortlichen für Krieg und Kriegführung gewesen.

Nicht nur von Deutschland muss wohl gesagt werden, dass dieses Verhalten der Siegermächte auch seinen Teil dazu beigetragen hat, die junge Demokratie zu schwächen. Die Parteien, welche in Deutschland die Weimarer Republik trugen, standen in den Jahren nach dem Krieg von beiden Seiten stark unter Druck. Einerseits wurden sie von nationalistischen und reaktionären Kräften bekämpft, die nach der Niederlage im Weltkrieg nach Revanche riefen und die Verluste rückgängig machen wollten. Die Feinde der Demokratie kamen andererseits von links, von der zu Kriegsende neu gegründeten Kommunistischen Partei, welche die parlamentarische Demokratie überwinden wollte und eine Revolution nach dem Muster der Bolschewiki anstrebte – aus der Ferne auch von diesen unterstützt. Doch nicht nur diese – im Laufe der Jahre erstarkenden - Extreme standen der Demokratie feindlich gegenüber. Ein hoher Anteil der Bevölkerung machte nicht etwa die militaristischen Kräfte um Hindenburg und Ludendorff für die Misere der Nachkriegszeit verantwortlich, sondern die neuen demokratischen Kräfte, welche nun an der Spitze der Weimarer Republik standen. Natürlich waren es sehr verschiedene Faktoren, die den Aufstieg Hitlers und seiner Partei begünstigten, nicht zuletzt die Weltwirtschaftskrise und ihre harten sozialen Folgen. Aber: ob es Hitler im Laufe der Jahre auch ohne die demütigenden Regelungen des Versailler Vertrages gelungen wäre, solche Zustimmung unter den Deutschen aller gesellschaftlichen Schichten zu finden, wie es ihm schließlich gelang, sei dahingestellt.

Es kann hier nicht die Aufgabe sein, die politischen Entwicklungen der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg im Einzelnen nachzuzeichnen. Am Schluss dieses Artikels komme ich gleichwohl noch einmal auf die Herausforderung zurück, welche mit dem Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges nicht nur für Polen, sondern für Europa (und darüber hinaus) verbunden ist.

Auf zwei Dimensionen aber möchte ich hier doch aufmerksam machen:

1. In Westeuropa, insbesondere in Frankreich und Großbritannien, ist die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg sehr viel stärker in der Öffentlichkeit verankert, als dies in Deutschland der Fall ist. Diese ist jedoch jeweils sehr national geprägt und hat diesen Krieg als Weltkrieg nicht wirklich im Blick. Der Krieg östlich Deutschlands, der eben kein Stellungskrieg war, sondern sich im Hin und Her des Kriegsglücks über einen weiten Raum erstreckte und nicht weniger Opfer forderte als im Westen, ist nicht wirklich im öffentlichen Bewusstsein verankert. Während im Westen (außer Irland) mit dem Waffenstillstand am 11. November 1918 der Krieg auch faktisch zu Ende war, war dies im Osten mitnichten der Fall. Hier ging die Gewaltorgie in zwischenstaatlichen Konflikten, aber mehr noch in Bürgerkriegen und Revolutionen weiter und kostete in den darauffolgenden fünf Jahren noch Millionen Tote. Gleichzeitig ist die Erinnerung an die Toten des Weltkriegs ebenso wie vielfach auch an die der Bürgerkriege im Osten Europas auch in diesen Ländern selbst weitgehend verlorengegangen. In kommunistischer Geschichtsdeutung galt der Erste Weltkrieg als imperialistischer Krieg, der den Boden bereitet hat für die Oktoberrevolution. In Polen hat dieser Krieg gewissermaßen ein positives Image, er gilt als die Ermöglichung der Wiedergeburt als Staat. Die in den drei feindlichen Armeen kämpfenden und gefallenen Polen fanden keinen Eingang in ein öffentliches Gedenken. Einzig da, wo die Kämpfe als Abwehr gegen die Bolschewiki und als Kampf für die eigene Unabhängigkeit angesehen werden konnten – wie bei der Schlacht an der Weichsel oder für die Ukraine bei den Kämpfen um Kiew, wird heute, nach 1990, eine neues nationales Gedenken etabliert.

2. Nicht nur Deutschland wurde 1918 mit der Weimarer Republik zu einer parlamentarischen Demokratie, auch Polen und die meisten anderen neu gegründeten Staaten begannen ihre Unabhängigkeit als Demokratien. Doch währten diese nicht lange. Die Tschechoslowakei war schließlich (neben Finnland im Norden) in den 30er Jahren im Zentrum Europas zu einer demokratischen Insel geworden. Wie andere wurde auch Polen zu einem semi-autoritär geführten Staat. Diese Entwicklung im europäischen Vergleich genauer zu betrachten und nach den Ursachen und tieferen Zusammenhängen zu fragen, erscheint mir wichtig und lehrreich. Dies gilt in besonderem Maße angesichts des Akzeptanzverlustes der Demokratie, wie wir es heute in Europa wieder erleben, sowohl in älteren wie auch jüngeren Demokratien.

 

Besonders verheerende Folgen für ganz Europa hatte das Scheitern der Demokratie in Deutschland und die Machtübernahme durch Adolf Hitler. Die Ideologie des Nationalsozialismus war eben nicht nur ein übersteigerter Nationalismus, sondern bestimmt durch einen aggressiven Rassismus, Antisemitismus und die grundlegende Bestreitung aller durch Christentum, römisches Recht und Aufklärung geprägten europäischen Werte. Der vom nationalsozialistischen Deutschland entfesselte Zweite Weltkrieg wurde als „barbarischer Zivilisationsbruch“ (Ernst Nolte) zur europäischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Er begann nach dem Hitler-Stalin-Pakt mit dem deutschen Überfall auf Polen, getragen von dem Plan, im Osten Lebensraum für Deutsche zu schaffen, große Teile der dortigen Bevölkerung und insbesondere deren Eliten auszurotten und die Überlebenden zu versklaven. Schon kurz nach seiner Machtübernahme 1933 hatte Hitler der Führung der Reichswehr, die ab 1935 in Wehrmacht umbenannt wurde, seine Zukunftspläne vorgetragen: „Eroberung neuen Lebensraumes im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung“. Polen wurde das erste Opfer eines gnadenlosen Vernichtungskrieges, durch Krieg und brutale Besatzung verlor es 15 % seiner Bevölkerung und wurde zudem Schauplatz der industriellen Vernichtung der europäischen Juden in Auschwitz, Treblinka und Majdanek. 

Stalin und Hitler hatten sich 1939 durch ihren Pakt Zeit verschafft zur Verfolgung ihrer jeweiligen Interessen. Die Rote Armee rückte am 17. September 1939 von Osten her in Polen ein. Polen verschwand damit wieder durch die Teilung seiner mächtigen Nachbarn im Westen und Osten von der Landkarte. Fast 40 000 polnische Soldaten wurden in sowjetische Lager deportiert, mehr als 22 000 Offiziere wurden dann umgebracht, 4400 von ihnen in Katyn bei Smolensk, das zum Symbol für diesen zynischen Massenmord wurde.

Die polnische Regierung ging zunächst nach Paris, dann nach London ins Exil, im Land selbst kämpften Polen in der „Heimatarmee“ (Armia Krajova) für die Befreiung ihres Landes. Dieser Kampf kulminierte im Warschauer Aufstand im August 1944. Da Stalin nicht wollte, dass Polen sich selbst befreite, ließ er die Rote Armee, die schon am Ostufer der Weichsel stand, ausharren, bis die Deutschen den Aufstand niedergeworfen und Warschau dem Erdboden gleichgemacht hatten.

Nach dem Bruch des Paktes durch Hitler und dem Überfall auf die Sowjetunion hatte Stalin die polnischen Soldaten und Offiziere aus den Lagern entlassen. Die befreiten polnischen Kriegsgefangenen wurden in die nach General Anders benannte Armee rekrutiert. Als man sich mit Stalin nicht einigen konnte, zog diese über Persien und Palästina nach Westen und schloss sich der Britischen Armee an. In der Schlacht von Monte Casino spielten die polnischen Kämpfer dann eine wichtige Rolle bei der Eroberung des Klosterberges, was für die polnische Erinnerungskultur bis heute eine zentrale Bedeutung hat. Bei der Landung der westlichen Alliierten in der Normandie im Juni 1944 waren Polen die viertgrößten Truppensteller. Polen kämpften aber auch an der Seite der Roten Armee als polnische Divisionen und im Untergrund (Armia Ludowa). So waren polnische Soldaten auch an der Befreiung des KZ Sachsenhausen beteiligt. Noch Anfang der 90er Jahre erzählte mir der Schriftsteller Andrzej Szczypiorski, dass er als junger Mann und Häftling dort von polnischen Soldaten befreit wurde. 

Deshalb muss festgehalten werden, was in Deutschland oft nicht bewusst ist: Polen gehörte als Teil der (verschiedenen!) alliierten Streitkräfte faktisch mit zu den Nationen, die Deutschland vom Nationalsozialismus befreiten. Genau dies aber anzuerkennen wollte Stalin verhindern. Polen geriet nach dem Krieg und der deutschen Teilung gemeinsam mit dem östlichen Teil Deutschlands, der Sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR, in den sowjetisch dominierten Herrschaftsbereich Europas – und wurde zur Volksrepublik.

Das Territorium Polens aber wurde nach Westen verschoben. Stalin wollte den im Hitler-Stalin-Pakt erworbenen Gebietsgewinn nicht verlieren, Polen wurde dafür mit den deutschen Gebieten östlich von Oder und Neiße entschädigt. Die Folge waren vielfältige Vertreibungen von Millionen von Menschen, zum einen die der großen Mehrheit der Deutschen aus den verlorenen deutschen Gebieten, aber auch der Polen aus den nun sowjetischen in Belarus und der Ukraine.

Die gerade gegründete DDR erkannte 1950 im Görlitzer Vertrag die neue polnische Westgrenze an. Als Satellitenstaaten der Sowjetunion waren die Volksrepublik Polen und die DDR plötzlich formelle Bruderstaaten. In der DDR regierten deutsche Kommunisten, die im Widerstand gegen Hitler gewesen waren. So weigerte sich die DDR-Führung, irgendeine Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus zu übernehmen, man verstand sich ja als antifaschistischer Staat. Das Verhältnis zwischen beiden sozialistischen Staaten wurde schlicht auf Freundschaftsstatus umgeschaltet. Eine gesellschaftliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus gab es in der DDR nicht. Nur in den Kirchen fand eine solche kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte statt, viel später auch innerhalb der Opposition in der DDR.

Im Westen Deutschlands brauchte es lange, bis die Öffentlichkeit sich offen mit der eigenen Schuld und Verantwortung befasste. Als die Evangelischen Kirchen sich im Oktober 1945 im sogenannten „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ zu Schuld und Versagen bekannten, wurde ihnen von vielen Seiten Vaterlandsverrat vorgeworfen. Die Nürnberger Prozesse, in welchen die Alliierten wichtige NS-Verbrecher vor Gericht stellten und verurteilten, wurden von der Mehrheit der Deutschen als Siegerjustiz verunglimpft. Die Regierung Adenauer entließ viele der verurteilten Nazis aus den Gefängnissen und die meisten fanden sogar wieder zurück in deutsche Verwaltungen und Behörden. Es war ein weiter Weg, von mutigen Einzelnen und kleinen Minderheiten in der Gesellschaft vorangetrieben, bis eine gesellschaftliche Aufarbeitung der deutschen Verbrechen und der eigenen Schuld begann. Knapp zwei Jahrzehnte brauchte es, bis gegen viel Widerstand in der Bundesrepublik der erste Auschwitzprozess stattfand.

Von großer Bedeutung war dann die sogenannte Ostdenkschrift der Evangelischen Kirchen im Oktober 1965, welche für eine Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze warb. Ihr wurde vonseiten der Bundesregierung wie der Vertriebenenverbände mit Stürmen der Entrüstung begegnet. Auch durch diese Denkschrift ermutigt, veröffentlichten wenige Wochen später die polnischen Bischöfe einen Brief an ihre deutschen Amtskollegen, mit dem sie diese zur 1000-Jahrfeier der Kirche nach Polen einluden. Dieser Brief gipfelte in dem Satz: „Wir vergeben und bitten um Vergebung!“ Auch diese Geste führte zu heftigen Anfeindungen der polnischen Regierung und manchem Unverständnis in der Gesellschaft. Beide Initiativen aber wurden zum Ausgangspunkt eines Versöhnungsprozesses zwischen Polen und Deutschland, der seinesgleichen sucht. Wichtig war an ihnen, dass sie öffentliche Prozesse in Gang setzen, aber nicht von den Regierungen getragen waren. So gelang es, dass nicht zuerst die kommunistische Regierung Polens im Focus stand, sondern die polnische Gesellschaft - die Menschen, die unendliche, von Deutschen begangene Grauen zu verarbeiten hatten.

Die 1969 gewählte sozialliberale Bundesregierung Willy Brandts wollte „mehr Demokratie wagen“ und die Beziehungen zu den östlichen Nachbarn neu gestalten. „Wandel durch Annäherung“ war die neue Formel der Ostpolitik, zu der auch der Vertrag mit Polen vom Dezember 1970 gehörte. Am Tag der Unterzeichnung dieses Vertrages kniete Willy Brandt vor dem Ghetto-Denkmal in Warschau. Mit diesem Kniefall erreichte der vorher gesellschaftlich begonnene Versöhnungsprozess auch das Regierungshandeln. Im Laufe der Jahre verbesserten sich die staatlichen Beziehungen, sie verloren ihre traumatischen Spannungen und begannen sich – nicht zuletzt wirtschaftlich - zu normalisieren. Durch Familienzusammenführung konnten viele Deutsche aus Polen in die Bundesrepublik kommen. 

Als 1980 die Gewerkschaft „Solidarnosc“ gegründet und anerkannt wurde, war nicht nur die kleine Opposition in der DDR begeistert. Eine Welle der Sympathie ging durch beide deutschen Gesellschaften. Die SED reagierte daraufhin mit dem Schließen der Grenzen für DDR-Bürger. Der Bazillus der Solidarnosc sollte nicht in die DDR überspringen. In der Bundesrepublik begann eine breite Solidarisierung, die mit dem Kriegsrecht in Polen noch zunahm. Millionen von Päckchen und Paketen aus Deutschland erreichten die Menschen in Polen – und ihre Herzen. So begann sich auch in der polnischen Gesellschaft allmählich das Bild von Deutschland zu ändern. Die Bundesrepublik wurde nach dem Kriegsrecht Zufluchtsland für viele, die der Verfolgung entgehen – oder schlichtweg im Exil in Freiheit leben wollten.

Mit dem Runden Tisch in Polen, der ersten (halb-)freien Wahl im Juni 1989 und schließlich mit dem ersten nichtkommunistischen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki begann eine Revolution in Mitteleuropa, mit der innerhalb weniger Monate in Polen, Ungarn, der DDR und der Tschechoslowakei Freiheit und Demokratie den Sieg errangen und das kommunistische Regime gestürzt wurde. Im Zuge der Friedlichen Revolution in der DDR fiel am 9. November 1989 die Mauer. Dieses Ereignis wurde zum weltweiten Symbol für den gemeinsamen Sieg und mit ihm schließlich das Ende des Kalten Krieges.

Für Deutschland endete dieser Sieg der Freiheit in der deutschen Einheit. Dass wir Deutschen 45 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, in welchem wir so viel Schrecken über ganz Europa und eben insbesondere auch nach Polen gebracht haben, dass wir nach Jahrzehnten der Teilung im Kalten Krieg nun wieder vereint und zugleich in Freundschaft verbunden mit allen Nachbarn sein konnten – das war die Glücksstunde der Deutschen im 20. Jahrhundert. Die Aussöhnung mit den östlichen Nachbarn vollendete, was im Westen mit der deutsch-französischen Annäherung und der Gründung der Europäischen Gemeinschaft begonnen wurde.  

Wichtig war auf dem Weg zur Einheit die nun endgültige völkerrechtliche Anerkennung der polnischen Westgrenze an Oder und Neiße. Diese eröffnete dann gemeinsam mit dem Nachbarschaftsvertrag eine bis heute währende Erfolgsgeschichte. Das geeinte Deutschland wurde für Polen und die anderen neuen Demokratien zum Anwalt ihrer Integration in die Nato und die Europäische Union. Polen wurde nun zu einem anerkannten Partner und aktiven Mitgestalter europäischer Politik. Mit Donald Tusk ist ein Pole Präsident des Europäischen Rates und hat damit eines der wichtigsten in Europa zu vergebenden Ämter inne.

Auch die Fragen der Belastungen durch die Vergangenheit des letzten, für das deutsch-polnische Verhältnis so schwierigen Jahrhunderts, schienen immer mehr in den Hintergrund zu treten. Zwei besondere Museumsprojekte sollten das dokumentieren: das polnische Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig und das Museum der Stiftung „Flucht – Vertreibung – Versöhnung“ in Berlin.

Die Konzeption des Danziger Museums hatte den Anspruch, den Zweiten Weltkrieg in seinen vielfältigen Facetten tatsächlich als Weltkrieg darzustellen und verschiedenen Perspektiven Raum zu geben. Deshalb wurden nicht nur polnische, sondern Historiker aus anderen Ländern an der Arbeit beteiligt. Im Frühjahr 2017 wurde es eröffnet – doch steht es nun seitens der PIS-Regierung in der Kritik, den polnischen Heroismus nicht genügend zu betonen. Die Planung der Regierung sieht vor, es mit dem in Gründung befindlichen Museum der Westernplatte zusammenzulegen. Welches Narrativ hier künftig erzählt werden soll, scheint offen.

Das Museum zur Stiftung „Flucht-Vertreibung-Versöhnung“ war in Deutschland selbst lange umstritten. Immer wieder hat es von sich reden gemacht, weil der Versuch gemacht wurde oder teilweise gelang, dass die Perspektive des Bundes der Vertriebenen (BdV) die prägende sein sollte. Dem stellte sich die wissenschaftliche Beratergruppe entgegen. Ob diese Turbulenzen der Vergangenheit angehören, ist offen. Sollte es gelingen, die Entscheidungsprozesse transparent zu gestalten, weiterhin die internationale Historikerzunft zu beteiligen und die politischen Einflüsse des BdV zurückzudrängen, könnte es zu einem beispielhaften Ergebnis kommen.

So belegen die beiden Museumsprojekte einerseits die Bedeutung der Geschichte für das Selbstverständnis beider Nationen, das insbesondere in Polen noch viel gesellschaftlichen Konfliktstoff bietet, wie auch für das bilaterale Verhältnis zwischen Deutschland und Polen. Hier ist Offenheit und Sensibilität notwendig, um aus der immer noch vorhandenen Fragilität nicht Konflikte werden zu lassen. Gerade deshalb aber ist es wichtig, Räume des Dialogs und der Diskussion zu schaffen, in denen die verschiedenen Perspektiven und konfliktreichen Fragen zur Sprache gebracht werden können.

Dies kann auch bilateral geschehen, ist aber möglichst multilateral zu gestalten, denn die meisten historischen Fragen betreffen nicht nur Deutschland und Polen. In Brüssel ist gerade im Frühjahr 2017 das „Haus der Europäischen Geschichte“ eröffnet worden. Der wissenschaftliche Beirat wurde von W?odzimierz Borodziej geleitet, einem anerkannten polnischen Historiker. Es wird spannend sein, welche Diskurse sich aus der dort vorgelegten Konzeption ergeben.

Es ist gut, dass seit dem Beitritt der neuen Mitgliedstaaten in der Europäischen Union das Europäische Parlament ein offener Ort des Diskurses zu einer europäischen Erinnerungskultur geworden ist. Es ist nicht zu erwarten, dass demnächst alle Europäer ein gemeinsames Bild unserer Geschichte teilen, doch es ist wichtig, die verschiedenen Perspektiven überhaupt erst einmal kennenzulernen und miteinander ins Gespräch zu bringen.

Dies ist nun auch eine Herausforderung an das Gedenken der 100-Jahrestage in den Jahren 2018/2019. Natürlich werden Polen und die anderen am Ende des Ersten Weltkrieges entstandenen Nationalstaaten ihre Unabhängigkeit und Staatsgründung feierlich begehen. Es wird jedoch darauf ankommen, dass im Zuge dieser Feierlichkeiten nicht eine neue Welle des Nationalismus durch Europa geht. Deshalb ist es von zentraler Bedeutung, dass auch die multilateralen Themen, die mit diesem Jahrestag verbunden sind, nicht aus dem Blick geraten und durch die internationale Staatengemeinschaft angemessene Aufmerksamkeit erfahren.

 Hier seien einige Gesichtspunkte genannt, die mir in diesem Zusammenhang von Bedeutung zu sein scheinen:

 

+ Mit dem Kriegseintritt der USA und ihrer Begründung in den 14 Punkten von Präsident Wilson standen die Herausforderungen von Demokratie und Selbstbestimmung auf der europäischen Tagesordnung, mit der „Oktoberrevolution“ von 1917 die Alternative von Demokratie und totalitärem Kommunismus. Sie bestimmte das ganze vergangene Jahrhundert. Die bleibende Aktualität dieser Fragen auch nach 1989 ist offensichtlich.

+ Mit dem Ende des 1. Weltkrieges bilden sich durch den Zerfall der monarchischen Reiche (des Zaristischen Russland, des Osmanischen, des Deutschen Reiches der Hohenzollern und des Habsburgischen Reiches) eine ganze Reihe von europäischen Staaten (neu), die meisten von ihnen als Demokratien. In Deutschland entsteht nicht zuletzt durch das entschlossene Handeln der Sozialdemokraten die erste deutsche Demokratie - die Weimarer Republik. 15 Jahre später ist von diesen Demokratien nicht mehr viel übrig, die meisten Staaten werden autoritär regiert. Gibt es Gründe für diese Entwicklung, die auch heute noch eine Bedeutung haben?


+ Unmittelbar nach dem Ende der Monarchie in Deutschland und dem Waffenstillstand erklärt der Rat der Volksbeauftragten in einem Aufruf an das deutsche Volk am 12. November 1918 das allgemeine und gleiche Frauenwahlrecht. Marie Juchacz erklärt als erste Frau in einem deutschen Parlament in der Weimarer Nationalversammlung am 19. Februar 1919: “Ich möchte hier feststellen.., dass wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa in dem althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist.“ Während dies Recht vorher nur sehr vereinzelt galt (in Finnland, Norwegen und Dänemark), tritt es nun seinen Siegeszug in Europa an. Dass sich die Frage der Gleichberechtigung der Frauen nach 100 Jahren schon erledigt hätte, kann gleichwohl kaum behauptet werden.


+ Obwohl es völlig falsch wäre, die USA allein als Ursache für das Entstehen der europäischen Demokratien 1918 anzusehen, wird ihr Einfluss nicht zu bestreiten sein. Dann jedoch setzt sich in den USA der Isolationismus durch und sie ziehen sich aus Europa wieder zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sie gelernt, sie bleiben eine gestaltende Macht in Europa. So werden die USA zum Garanten der Demokratie im Nachkriegseuropa, sie unterstützen auch die Bildung der Europäischen Gemeinschaften, die Integration der (zunächst west-) europäischen Staaten. Die transatlantischen Beziehungen sind somit seit dem Ende des Ersten Weltkrieges ein Jahrhundertthema, dessen Aktualität mit der Wahl von Präsident Trump noch einmal vor aller Augen geführt wird.

+ Nach den - für alle teilnehmenden Nationen erschütternden - Erfahrungen des Ersten Weltkriegs wird durch die Initiative der Amerikaner der Völkerbund gegründet. Er soll als internationale Organisation das Völkerrecht stärken und umsetzen helfen. Die Amerikaner werden schließlich nicht einmal Mitglied und er scheitert. Der Neuanfang mit den Vereinten Nationen 1945 bleibt bis heute eine internationale Herausforderung für die Verrechtlichung der internationalen Beziehungen und die Friedenssicherung.

+ Die Pariser Vorortverträge am Ende des Ersten Weltkrieges haben Europa auf eine Weise neu geordnet, die bis heute schwerwiegende Folgen hat – auch wenn das vielen nicht bewusst ist. Ob es Hitler ohne die Art, wie der Versailler Vertrag gestaltet wurde, gelungen wäre, in Deutschland die Zustimmung und die Mehrheiten zu erlangen, wie es dann geschah, sei dahingestellt. Dabei hatte Deutschland selbst die Richtung vorgegeben, als es im Vertrag von Brest-Litowsk dem nun bolschewistischen Russland Friedensbedingungen diktiert hatte, die keinen Bestand haben konnten. So stellt sich allein aus diesen Erfahrungen die Grundfrage „Wie schließt man Frieden – der wirklich trägt?“ Der Blick auf die weiteren Verträge von Trianon (1920) und Lausanne (1923) verstärkt die Herausforderung. Im ersten wird das Territorium Ungarns so reduziert, dass das daraus entstehende Trauma dort noch heute politische Wirkung entfaltet. Im anderen Fall wird die Zwangsdeportation von Griechen und Türken politisch legitimiert – mit dem Ziel künftiger Stabilität. Gerade im deutsch-polnischen Verhältnis ist die Frage der Vertreibungen im 20. Jahrhundert ein wichtiges Thema. Bei allen Differenzen im Rückblick bleibt die Gemeinsamkeit, dass für die Zukunft Vertreibungen und ethnische Säuberungen zu verhindern sind.
 

+ Im Versailler Friedensvertrag wurde das „dauerhafte Ruherecht“ von Kriegsgräbern international festgelegt und der Praxis des Anlegens von Kriegsgräberstätten ein völkerrechtlicher Rahmen gegeben. Über ein Jahrhundert hin hat dies dazu geführt, dass in ganz Europa Kriegsgräberstätten aller kriegführenden Nationen angelegt wurden. Es stellt sich die Frage, wie dieses Gedenken an die – soldatischen wie zivilen - Kriegstoten künftig in einem zusammenwachsenden Europa gestaltet werden kann. Frankreich hat hier mit dem „Ring der Erinnerung“ in Notre-Dame-de Lorette, ein Beispiel gegeben. An diesem Mahnmal wird an 580 000 Tote aller Nationen erinnert, die im Ersten Weltkrieg in dieser Region gefallen sind, unter ihnen 174 000 Deutsche. Ihre Namen werden nun aber nicht nach Nationen unterteilt, sondern nach dem Alphabet. Dieses Beispiel macht Mut. Es braucht in der Zukunft ein Nachdenken und Gespräch darüber, wie ein solches gemeinsames Gedenken künftig auch über nationale Grenzen hinweg entwickelt werden kann.

 

Ich hoffe sehr, dass es 2018 gelingen wird, angesichts des 100-Jahr-Gedenkens nicht nur auf die jeweils nationale Geschichte zu schauen, sondern den Blick auch gemeinsam auf das  20. Jahrhundert zu richten und im Horizont gegenwärtiger Herausforderungen Lehren daraus zu ziehen.

Zum Schluss möchte ich einen früheren Vorschlag wiederholen:

Polen und Deutschland sind in einer langen Geschichte miteinander verbunden, die hier nur kurz beschrieben werden konnte. In Berlin gibt es nun seit den 70er Jahren ein polnisches Denkmal, das die beiden kommunistischen Länder, die Volksrepublik Polen und die DDR errichtet haben. Es steht erstaunlicherweise unter dem Motto: „Für eure und für unsere Freiheit!“ Die Gestaltung aber entspricht dem sozialistischen Zeitgeist – und der Inhalt ist verlogen. Sollten wir es nicht in einer gemeinsamen, deutsch-polnischen Initiative umgestalten und dort den Beitrag darstellen, den Polen zur deutschen Freiheitsgeschichte geleistet hat? Der Bogen könnte hier vom Hambacher Fest 1830 über die polnische Beteiligung an der Befreiung vom Nationalsozialismus bis zu Solidarnosc und dem gemeinsamen Sieg von Freiheit und Demokratie 1989 sowie der heutigen Partnerschaft in der EU gespannt werden.

Die Opfer Polens sind zumindest der Fachwelt bekannt und anerkannt. Die in Deutschland wenig bekannte Rolle Polens als Akteur und Partner der Freiheit zur Botschaft dieses Denkmals zu machen, würde einerseits die gemeinsame Geschichte in den Blick nehmen – und gleichzeitig die gemeinsamen Herausforderungen der Zukunft beschreiben. Es wäre ein versöhnter Blick auf eine Freiheitsgeschichte, die weitergeht. 

 

Den Essay von Markus Meckel gibt es hier auch als Download.